Neue Medien

4/2018 - Medienkompetenz und Medienperformanz

Rezension: Floß der Medusa

von Klaus Heinrich

AutorIn: Bianca Burger

Bianca Burger bespricht für die Leserinnen und Leser der MEDIENIMPULSE das "Floß der Medusa". Die Texte des Autors Klaus Heinrich, Religionswissenschaflter und Mitbegründer der freien Universität Berlin, sind religiös, philosophisch aber auch historisch und kunstgeschichtlich zugleich ...

Abstract

Drei aufeinander aufbauende Studien von Klaus Heinrich aus den 1980er-Jahren zur Faszinationsgeschichte sind in diesem Band gesammelt. Es stehen unterschiedliche Themen im Zentrum und jede für sich möchte einen Beitrag zur Diskussion bezüglich Geschlechterspannung und Emanzipation leisten. In Zeiten wie heute sind die Beiträge somit wohl aktueller denn je.


Verlag: Stroemfeld Verlag
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-86600-014-8


Cover: Floß der Medusa von Klaus Heinrich
Quelle: Stroemfeld

Bei "Floß der Medusa" handelt es sich um eine Sammlung dreier Vorträge des Religionswissenschaftlers bzw. Religionsphilosophen Klaus Heinrich aus den 1980er Jahren. Es greift allerdings zu kurz, wenn Heinrich nur als Religionswissenschaftler bzw.-philosoph bezeichnet wird: Er studierte Recht, Philosophie, Psychologie und Theologie, sowie Kunst- und Literaturgeschichte. Außerdem gehörte er als Student zu den Mitbegründern der Freien Universität Berlin. Diese Vielseitigkeit macht sich folglich in den hier abgedruckten Überlegungen Heinrichs bemerkbar und verlangt den LeserInnen bei der Lektüre einiges ab.

In diesem Buch, das erstmals 1995 erschien, befasst sich Heinrich mit drei Studien zur sogenannten Faszinationsgeschichte, gleichzeitig leisten diese auch einen Beitrag zum Thema Geschlechterspannung und Emanzipation. So macht Heinrich bereits im Vorwort deutlich, dass der Titel "Floß der Medusa" nur ein "anderer Name für das von Katastrophen bedrohte Vehikel der Zivilisation [ist], das die Geschlechterspannung, dank der wir leben, im Zustand der Erstarrung transportiert". Während die einzelnen Studien einerseits als in sich abgeschlossen angesehen werden können, bauen sie teilweise inhaltlich und thematisch aufeinander auf. Es stehen jedoch unterschiedliche (mythologische) Figuren und Themen im Mittelpunkt.

Der titelgebende Vortrag über das "Floß der Medusa" ist nicht nur der umfassendste, sondern steht auch am Beginn des Buches. Dabei handelt es sich ursprünglich um ein Bild des französischen Künstlers Géricault (1791-1824), das in späterer Zeit mehrfach rezipiert wurde unter anderem vom österreichischen Graphiker Karl Rössing (1897-1987). Dieses steht im Mittelpunkt des ersten Vortrages von Heinrich, der 1981 gehalten und anhand von Tonbandaufnahmen rekonstruiert wurde. Der Hintergrund des Bildes wird nur kurz angerissen, interessierte LeserInnen müssen hier auf externe Quellen ausweichen – dies gilt auch für historische Bezüge in den anderen Beiträgen.

Der zweite Text widmet sich dem "Untergang von Religion in Kunst und Wissenschaft" und stellt die Rolle des Künstlers und des Intellektuellen in den Mittelpunkt. Hierbei geht es vor allem um die Möglichkeiten und Faszination, die ein "Untergang" in sich birgt – er verspricht Auferstehung und Neubeginn. Dabei stellt Heinrich die Frage in den Raum, ob die Beschäftigung mit dem Untergang von Religionen nicht zu ihrer Auferstehung verhilft. Im dritten Beitrag "Götter und Halbgötter der Renaissance" steht Galatea im Mittelpunkt bzw. die Frage, wie Götter bzw. Halbgötter der Antike in der Renaissance "wiederbelebt" wurden. Hierbei wird deutlich, dass nicht den Göttern diese Wiederbelebung vergönnt war, sondern den "mittleren Wesen", hier vor allem den Nymphen, die in den Folgejahren ihren Siegeszug durch die Kunst angetreten haben.

Obwohl, wie bereits erwähnt ein Zusammenhang zwischen den Vorträgen besteht, können sie trotzdem einzeln gelesen werden, da die Schwerpunktsetzung jeweils eine andere ist. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Zugang mittels eines oder mehrere Kunstwerke. Zu diesem Zweck gibt es in allen Beiträgen teils sehr umfassende Beschreibungen, in denen man die kunsthistorischen Wurzeln des Autors mehr als offensichtlich werden. Der Fließtext wird hierbei nicht durch Anmerkungen unterbrochen, lediglich am Rand befinden sich die Hinweise, auf welche im Anschluss an den Text angefügten Abbildungen sich der jeweilige Abschnitt bezieht. Die Abbildungen sind nicht nur in Graustufen, sondern auch farbig abgedruckt, ein Manko ist hier, dass es sich leider um kleinformatige Abbildungen handelt, bei denen kleinere Details oftmals nur schwer zu erkennen sind. Die Anmerkungen wiederum finden sich den Texten nachgestellt. Dies ist insofern etwas zu bemängeln, da sich zusätzliche Informationen, die zum besseren Verständnis des Textes beitragen, nur umständlich verfügbar sind.

Ein zentraler Punkt der Beiträge ist die Herstellung eines Aktualitätsbezugs. Unter anderem auch, wie eingangs erwähnt, zum Thema Emanzipation. Zu diesem Thema findet sich dann im Anhang die schriftliche Beantwortung von Heinrich zu einer Umfrage hinsichtlich der Emanzipation der Frau aus dem Jahre 1962. Gerade dieser Abschnitt könnte gekoppelt mit der ersten Studie auch für die Frauen- und Geschlechtergeschichte Relevanz haben und Denkanstöße liefern. Besonders hervorzuheben ist hier seine einleitende Bemerkung zum Begriff der "Emanzipation", den er als Wort aus der Sklavenhaltersprache verstanden wissen will. In diesem Fall bleibt der/die Emanzipierte minderen Rechts. Daher sollte dieses Wort laut Autor nur gebraucht werden, wenn sich vor Augen gehalten wird, dass Frauen und Männer gleichermaßen emanzipationsbedürftig sind. Heinrichs Aufruf, wonach Emanzipation Selbstfreigabe bedeuten soll, ist in Zeiten der "me-too-Debatte" wohl aktueller denn je.

Heinrichs Texte sind einzigartig: Sie sind zugleich religiös, philosophisch aber auch historisch und kunstgeschichtlich. Er schafft einen Spagat zwischen diesen Disziplinen, ohne seine wesentlichen Fragestellungen aus den Augen zu verlieren. Auch wenn es sehr viel Vorwissen und einiges an Denkleistung verlangt, den Texten uneingeschränkt folgen zu können, lohnt sich die Mühe. Der Kultcharakter, den seine Vorlesungen genossen haben, kann an Hand des "Floß des Medusa" vollends.

Tags

heinrich, medusa, zeitgeschichte, philosophie, geschichte