Schwerpunkt

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Monument auf unsicherem Fundament

Ein deutschsprachiges Handbuch zu Leben, Werk und Wirkung von W.G. Sebald

AutorIn: Uwe Schütte

Die historisch-kritische Forschung zu W.G. Sebald nimmt immer größere Dimensionen an. Deshalb bespricht Uwe Schütte eingehend ein Handbuch zu Leben, Werk und Wirkung des Ausnahmeschriftstellers, dessen Schreibstrategien nach wie vor auf großes Interesse stoßen ...

Reviewessay zu: Öhlschläger, Claudia/Niehaus, Michael (Hg.) (2017): W.G. Sebald-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler, 335 Seiten. Hardcover. EUR (D) 99,99. ISBN 978-3-476-02562-3.

I. Vorrede

Im Herbst 2016 erschien in vierter Auflage der aktualisierte zweite Band der Geschichte der deutschen Literatur, (nominell) herausgegeben von Bengt Algot Sørensen.[1] Diese stellt noch immer eine bewährte Dienstleistung für Studierende und Interessierte dar, da sie einen kompakten Überblick über die deutsche Literaturgeschichte liefert, dies aber aus einer skandinavischen Außenperspektive. Das 1997 erstmals publizierte zweibändige Kompendium knüpft an die erste vergleichbare Unternehmung an: die in Kroatien unter der Leitung von Viktor Žmegač entstandene Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart in drei Bänden, die zum ersten Mal 1984 veröffentlicht worden ist. Beide Bücher bedeuten sozusagen zwei Blicke von 'jenseits des Zauns' auf die deutschsprachige Literatur, die weniger motiviert waren vom Wunsch der Auslandsgermanistik, der 'Inlandsgermanistik' eine vielleicht produktiv nutzbare Außenseiterperspektive zu liefern, indem Auswahl und Wertung von jenen gängiger Standardwerke aus 'deutscher Hand' markant abweichen. Vielmehr galt es zu beweisen, dass auch kleinere Gruppen von Germanisten außerhalb des einheimischen Germanistikbetriebs zu dergleichen akademischen Unternehmungen in der Lage sind und über eine Expertise verfügen, die sich mit denen innerhalb Deutschlands messen kann.

Dass damit statt Konkurrenz oder Diskussion, ganz zu schweigen von Konfrontation, die Weichen eher auf Affirmation des Kanons und Konsenses der 'Inlandsgermanistik' gestellt worden sind, zeigt, dass es sich bei diesen Unternehmen um eine Art akademische Motivation handelt, mit der man Anschluss sucht – nicht allein aus pragmatischen Gründen, sondern auch, da man interessiert ist, Konferenzen, Stipendien, Austauscharrangements, Zugänge zu Bibliotheken, Archiven, Fachinstitutionen, Ehrungen und Auszeichnungen angesichts des Verdienstes, den man sich um Kulturaustausch und die Vermittlung deutscher Literatur im Ausland erworben hat, zu erreichen.

Innerhalb dieses Dispositivs ist denn auch die bereits anfangs erwähnte Literaturgeschichte näher situiert. Deren Einband präsentiert vier Schriftstellerportraits, mit denen offenkundig vier paradigmatische Repräsentanten der deutschen Literatur Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, wie der Untertitel lautet, zu identifizieren sind. An erster Stelle steht, naturgemäß, Thomas Mann, dem als nächstes nun nicht etwa Brecht zur Seite gestellt ist, sondern Ingeborg Bachmann.[2] Ihr folgt – was nicht unkritisch zu diskutieren wäre – Herta Müller, komplementiert mit dem Foto eines Allgäuer Germanisten, der auch aus Gründen der Ablehnung der Nachkriegsgermanistik, wie er sie zu Anfang der 1960er Jahre als Student erlebte, seinerseits ins britische Ausland gegangen ist, um von dort aus eine Art literaturkritischen Feldzug gegen die von ihm als durch und durch kompromittiert empfundene Disziplin zu führen, bevor er – frustriert von der zunehmenden Imbezillität des Hochschulwesens in Großbritannien, selbst begann, Literatur zu schreiben (und dies in dezidierter Abgrenzung von der in weiten Teilen von ihm als ebenso kritikwürdig empfundenen Nachkriegsliteratur): W.G. Sebald ist zu den bedeutendsten Autoren des späten 20. Jahrhunderts zu zählen.

II. Kanonisierung eines Widerspenstigen

An der Seite von Thomas Mann dergestalt in den Kanon aufgenommen wird Sebald im Band allerdings zutreffend als "Literaturwissenschaftler und Schriftsteller"[3] bezeichnet, wobei es die Reihenfolge dieser Zuordnungen zu beachten gilt. Zwar wäre zugleich einzuschränken, dass der Begriff "Literaturwissenschaftler" nicht recht auf einen Germanisten passt, der Fußnoten fälschte oder bei Bedarf frei erfand, wissenschaftliche Tagungen nur wenig und meist widerwillig besuchte, Mitgliedschaften in literarischen Vereinen und wissenschaftlichen Gesellschaften boykottierte und dergleichen Verweigerungshaltungen mehr. Seine literaturkritischen Schriften entfallen grundsätzlich in zwei Gruppen: Zum einen waren es höchst subjektive, moralisch scharf wertende Essays, die sich strikt normative, häufig polemische Zugriffe auf die Texte arrivierter, kanonisierter Schriftsteller zu eigen machten. Zum anderen schrieb er gerne über Außenseiter und Randgestalten des Kanons und dies ohne jegliche kritische Distanz mit ausgeprägter Empathie und dem Bestreben, sich die betreffenden Autoren zu eigen zu machen und zu Geistesverwandten zu erklären. Insofern müsste man Sebald vielmehr als einen Germanisten bezeichnen, der zeitlebens gegen die Literaturwissenschaft operierte, die ihn nun – anderthalb Jahrzehnte nach seinem frühzeitigen Tod – aufgrund seiner literarischen Leistungen seine literaturkritischen Verfehlungen vergeben zu haben scheint.

Zumindest ist auf Seiten des germanistischen Nachwuchses Sebalds Popularität ungebrochen, wie der stetige Strom an deutschsprachigen Dissertationen zu seinem literarischen Werk zu belegen vermag.[4] Auf Seiten der anglophonen German Studies arbeitet man sich ebenso eifrig unverändert an Sebald ab, wie etwa die monografischen Studien der letzten zwei Jahre beweisen.[5] Auch ist die Publikation einer hervorragenden neuen Einführung ins Werk zu konstatieren, die bezeichnenderweise von Seiten der Auslandsgermanistik stammt. Es handelt sich um die Gesamtdarstellung des in Japan lehrenden Frank Schwamborn mit dem Titel W.G. Sebald. Moralismus und Prosodie,[6] die einen neuen Standard als Einführungswerk setzt.[7]

Einen veritablen Meilenstein in der deutschsprachigen Rezeptionsgeschichte markiert vor diesem Hintergrund das W.G. Sebald-Handbuch, herausgegeben von Michael Neuhaus und Claudia Öhlschläger. Denn mit einigem Recht darf man die im Metzler-Verlag erscheinende Serie der Handbücher über Leben, Werk und Wirkung 'großer' Dichter und Denker als 'Ritterschlag' für die betreffenden AutorInnen sehen: Sebald steht auf diese Weise in einer Reihe etwa mit Homer, Kant, Hölderlin, Büchner, Adorno, Foucault, Thomas Mann, Kafka, Heiner Müller und anderen. Im Fall des der Inlandsgermanistik geradezu entlaufenen Sebald ist eine solche Kanonisierung durch den germanistischen Wissenschaftsbetrieb mithin durchaus bemerkenswert, hatte er sich doch, wie es nochmals zu betonen gilt, in weiten Teilen seines literaturkritischen Werkes und zeitlebens vehement gegen die Disziplin ausgesprochen, der er sich nicht zugehörig fühlte. Seine zugespitzten, große und nachhaltige Wellen schlagenden Polemiken gegen repräsentative Autoren wie etwa Alfred Döblin oder Alfred Andersch oder die pauschale Verdammung der Nachkriegsliteratur in seiner Streitschrift Luftkrieg und Literatur (1998)[8] hatten ihm zahlreiche Widersacher sowohl im Literatur- wie im Wissenschaftsbetrieb eingetragen, deren Widerstand gegen Sebald unverändert besteht.

Es ist dieser ambivalente Hintergrund von Verehrung und Ablehnung, Literaturkritik und Erzählprosa, auslandsgermanistischer Renitenz und 'inlandsgermanistischer' Begradigung eines widerständigen, oftmals auch widersprüchlichen Werks, vor dem das vorliegende Handbuch betrachtet werden muss. Dessen sehr schwierige Aufgabe wäre es gewesen, die kontroverse Bewertung der Person, das zwischen Wissenschaft und Literatur oszillierende Werk und die singuläre Wirkung der Texte von W.G. Sebald angemessen zu reflektieren und in einem wissenschaftlichen Sinne objektiv zu dokumentieren. Das allerdings kann nur geleistet werden, wenn man sich mit dem ‚ganzen’ Sebald auseinandersetzt. Angesichts der ausufernden Sekundärliteratur, die man in Worten, die Sebald selbst einmal auf die Deutungen von Kafka angewandt hat, als eine "parasitäre Invasion"[9] bezeichnen könnte, setzt dies eine nicht geringe Sachkenntnis voraus. Denn der ‚ganze’ Sebald ergibt sich nicht nur aus der dialektischen Zusammenschau beider, organisch miteinander verwobenen Werkteile, sondern ebenso aus dem notwendigen, keineswegs leichten Versuch, den (zumeist) hochgelobten, kanonisierten Schriftsteller Sebald mit den problematischen, inkommensurablen Aspekten seines literarischen wie literaturkritischen Werks zusammenzudenken.

Eine solche, der ganzen Sebald-'Wahrheit' verpflichtete Haltung jedenfalls allein würde dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden, in Form dieses Handbuchs eine autoritative Referenz zu all things Sebald zu liefern, anstatt ein unvollständiges Bild des Autors und seines Werks festzuschreiben. Eine solche Verzerrung seines Profils als Autor erscheint sachunkundigen LeserInnen einerseits nach einer genauen Lektüre des Handbuches – vor allem aufgrund von dessen teilweise problematischer Konzeption. Andererseits kann man dies zugleich als Tribut an solche Vorhaben verstehen, die überhaupt einen Autor in Form eines Handbuchs kanonisieren möchten. Markus Joch hat hierfür angesichts des Metzler-Handbuchs über Gottfried Benn,[10] in dem dessen bekannter "Temporärfaschismus" bagatellisiert werde, die Kennzeichnung "Diskretionswissenschaft" geprägt.[11]

III. Fehlerquellen

Wie jedes akademische Werk ist auch dieses Handbuch nicht frei von Fehlern. Selbstverständlich mindern gelegentliche Tippfehler, eine falsche Sprachverwendung (wie etwa "nationalsozialistisch gesonnen" (16) statt korrekt "nationalsozialistisch gesinnt"), Wortverdopplungen oder unvollständige Sätze in einem mehrhundertseitigen Werk nicht dessen intellektuellen Wert. Unschön sind sie aber dennoch. Sind Tippfehler wie die Fehlschreibung "Seblald" (23) noch nachvollziehbar, evozieren jene Fehlschreibungen, die sich aus einer gewissen Sorglosigkeit gegenüber Fremdsprachen ergeben mögen, größeren Ärger – beispielsweise wenn die von Sebald in Schwindel. Gefühle. in korrektem Italienisch wiedergegebene Reklameaufschrift – "PROSSIMA COINCIDENZA" (SG 128) – in beiden Worten falsch als "Promissa Coinzindenza" (23) wiedergegeben wird.[12] Mehr Sorgfalt wäre auch im Hinblick auf die Schreibweise der Namen ausländischer Sebald-ForscherInnen wünschenswert: Fehlt bei Heidelberger-Leonard lediglich der accent grave des Vornamens (290: 331), so taucht Richard Hibbitt – immerhin der Mitherausgeber des englischen Sebald-Handbuchs und somit einer der 'Meilensteine' der Sebald-Forschung – neben korrekter Schreibweise sowohl fälschlich als "Hibitt" (9: 38) als auch als "Hibbit" (83) auf.

Ein veritables philologisches 'Minenfeld' bei Sebald sind außerdem Datierungsfehler, da Jahresangaben zur Entstehung und Erstpublikation – zumal im Fall seiner literaturkritischen Texte – möglichst anhand des Archivs abgeglichen werden sollten. Bei Datierungsfehlern mit einer Abweichung von einem Jahr dürfte es sich oftmals zwar eher um einen Tippfehler als um eine unsaubere Konsultation bibliografischer Daten handeln, so etwa wenn das Erscheinungsjahr eines Kafka-Aufsatzes von Sebald aus dem Jahr 1976 fälschlich auf 1975 (251) oder Meyers Gedichtband von 2003 inkorrekt auf 2002 (33) datiert wird. Damit ist eine schwerer wiegende Kategorie von Fehlern angesprochen, die aus einer mutmaßlich nicht ausreichenden fachlichen Kompetenz resultieren könnte, wie beispielhaft im Fall des Eintrags 'Heimat'. Darin wird Bezug genommen auf eine vorgängige Publikation von Elena Agazzi und vermutet, wie diese fälschlicherweise Ernst Bloch zum Referenzpunkt einer Anspielung Sebalds im Essay zu Hebel macht. Dort schreibt Sebald: "[…] das entfernte gelobte Land der Menschen, jene Heimat eben, in der, nach einem anderen Diktum, noch keiner gewesen ist" (zit. nach 260).

Damit ist aber keineswegs eine utopische Projektion im Sinne von Broch gemeint, wie die Interpretation im Weiteren nahelegt, indem der "utopische Moment der Heimat als Versprechen aus der eigenen Kindheit" (260) gedeutet wird. Vielmehr referiert der Terminus 'Heimat' bei Sebald hier auf den Tod, denn es ist nicht Bloch, sondern Kafka, auf dessen 'Diktum' sich Sebald bezieht, genauer: jenen Kafka-Essay, in dem Sebald mit Bezug auf Das Schloß – sehr einengend – behauptet, "Leben und Tod [sind] in diesem Roman nicht voneinander geschieden".[13] Sebald vertritt darin die fragwürdige Auffassung, dass "der Tod stets als die andere Heimat des Menschen galt".[14] Der im Handbuch falsch konstruierte Bezug verkehrt mithin den Sinn der Textdeutung, denn keineswegs will Sebald ein utopisches Moment, eine Hoffnung auf eine vielleicht doch erreichbare bessere Ordnung der Dinge aktivieren, vielmehr verweist er mit radikalem Pessimismus auf den Tod und dessen Endgültigkeit.[15]

Im Handbuch bleibt es aber nicht bei derartigen Irrtümern, die als isolierte Vorkommnisse nicht zwangsläufig den Wert eines Eintrags in Frage stellen. Bereits auf den ersten Seiten wird etwa eine enge Freundin Sebalds zitiert, deren Aussage sich auf seinen in zwei Fassungen im DLA vorliegenden Jugendroman bezieht (ohne dass diese eine wissenschaftlichen Beleg enthalten würde): "Der Text ist eindeutig autobiographisch. Allerdings blieb er unveröffentlicht und ist verschollen." (6) Hinzu kommt, dass der hier inkriminierte Beitrag zur Biografie des Autors noch zahlreiche weitere Fehler enthält, weshalb die grundfalsche Behauptung keineswegs einen singulären 'Schnitzer' darstellen dürfte. So überdeckt etwa der im Zitat verwendete Singular "Text" die Tatsache, dass es sich um zwei teils unterschiedliche Fassungen handelt, wie auch die emphatische Aussage, dass das Konvolut, wie man den Textbestand genauer bezeichnen müsste, "eindeutig autobiographisch" (6) sei.

Gleich im Anschluss an die Ausführungen zum fragmentarischen Debütroman folgt ein Abschnitt, der sich mit dem gleichfalls unpublizierten Konvolut beschäftigt, das drei Fassungen eines Drehbuchs für einen TV-Film über Kant enthält. Der Umstand, dass Sebald der Beiträgerin eine der Fassungen übergeben hat,[16] mag für eine weitere Sorglosigkeit im Hinblick auf Datierungen verantwortlich sein: So begann Sebald nicht im "Herbst 1981" (6) mit der Arbeit daran, sondern einige Monate früher. Unzutreffend ist auch die Bemerkung, die Produktion sei "im Jahre 1982 von der RIAS Berlin in Auftrag gegeben" (6) worden, da ein solcher Auftrag nie erteilt wurde, bestand das Drehbuch doch schon; allenfalls wäre zu verweisen darauf, dass das Projekt im Mai 1983 angenommen wurde. Hinzu kommt, dass die betreffende Rundfunkanstalt der Sender Freies Berlin (SFB) war; da der RIAS zu dem hier zur Diskussion stehenden Zeitpunkt nur ein Radiosender war, hätte er ohnehin kein Filmskript angenommen bzw. produziert. Zwar wurden die Hintergründe der Textentstehung im Übrigen von Seiten des Verf. ausführlich aufgearbeitet,[17] konnten aber wohl nicht mehr berücksichtigt werden, was diesen Beitrag, der noch weitere Fehldatierungen enthält,[18] teilweise makuliert

IV. Plädoyer für Archivarbeit

Diesen beiden als Konvolute vorliegenden Nachlasstexten wurde hier ein besonderes Augenmerk gewidmet, weil damit ein anderer höchst problematischer Knackpunkt der Sebald-Forschung berührt wird: Was Mark Denham als "Sebald-industry"[19] beschrieben, hat dazu geführt, dass in vielen Bereichen ein Zustand an Saturiertheit und Tautologie erreicht ist, auf den nun reagiert wird, indem das Fachpublikum die Notwendigkeit erkennt, die dank unzähliger einschlägiger Arbeiten als durchaus 'überforscht' zu bezeichnenden Themenbereiche wie Melancholie, Gedächtnis, Trauma, Holocaust oder Intermedialität hinter sich zu lassen, um sich neuen Fragestellungen und innovativen Theorieansätzen bzw. postmodernen Aktualisierungen des Sebald’schen Œuvres zuzuwenden.[20] Dies ist zwar löblich, was darüber allerdings verloren geht, ist die Tugend eines philologischen Quellenstudiums, indem man insbesondre im Deutschen Literaturarchiv ad fontes geht, um den Nachlass zu konsultieren. Zumal angesichts eines doch vergleichsweise schmalen Bestands an literarischen Texten, bleibt es erstaunlich, dass sich der exegetische Fleiß nicht früher schon stärker auf die literaturkritischen Schriften gerichtet hat und der Nachlassbestand allenfalls zögerlich beachtet wird. Beide Bereiche haben das eminente Potential, das bekannte Bild von Sebald zu erweitern bzw. neu zu qualifizieren.

Zwar sind jüngst eine ganze Reihe von Studien erschienen, die ganz zurecht den literarischen wie den kritisch-essayistischen Teil des Werkes als ein integratives Ganzes begreifen, aber was den Nachlass betrifft, so bedeutet die Berücksichtigung des darin enthaltenen Archivmaterials eine immanente Notwendigkeit. Wie aufschlussreich die unattraktive Kärrnerarbeit der Datierung von Textgenesen und der Aufdeckung von in der Forschung vielfach unkritisch tradierter Scheinwahrheiten und Fehlannahmen sein kann, zeigen exemplarisch die entsprechenden Recherchen von Bartsch.[21] Gerade im Fall Sebalds ist eine solche faktische Grundlegung unverzichtbar, hat er doch nicht nur in den literarischen Texten viele falsche Fährten ausgelegt, sondern ebenso in seinen Interviews, wie der herausstechende Artikel zum Thema im Handbuch genauestens nachweist. Hinzu kommt, dass eine im Vergleich zum Textbestand noch relativ bewältigbare Klärung der Quellenlage des in die Texte einmontierten Fotomaterials aussteht, was selbst bei zentralen Fotografien noch nicht erfolgt ist.

Wiederum exemplarisch illustrieren lässt sich dies an der geradezu berüchtigten Fotografie, die sich in Die Ringe des Saturn im Abschnitt über den (vermutlich fiktionalen) Major George Wyndham Le Strange befindet und eine "schlecht erkennbare Menge toter Körper in einem Waldstück zeigt. Durch den Kontext wird nahegelegt, dass diese Photographie aus Bergen Belsen stammt, und mehr noch, gewissermaßen den grauenerregenden Anblick wiedergibt, der sich Le Strange seinerzeit geboten hat." (137) Der britische Fotograf George Rodger hat die abgebildete wie auch andere Aufnahmen am 20. April 1945 gemacht, wie Lecia Rosenthal im Zusammenhang mit Sebald in ihrer 2011 erschienenen Studie Mourning Modernism: Literature, Catastrophe, and the Politics of Consolation erläuterte.[22] Im Handbuch wird dieser Umstand nicht korrekt wiedergegeben.

Auch an manchen anderen Stellen des Eintrags ‚Fiktion – Dokument’ gewinnt man den Eindruck, dass Urteile und Schlüsse über die von Sebald verwendeten visuellen Dokumente gezogen werden, die auf der Basis wissenschaftlich ungeklärter Annahmen bzw. der Übernahme nicht überprüfter Interviewaussagen Sebalds erfolgen, anstatt auf einer Verifizierung im Archiv zu bestehen, u. a. was das (fiktive, von Sebald in Handschrift verfasste) Agendabüchlein des Ambros Adelwarth betrifft[23] oder die unzutreffende Behauptung, es gäbe in Die Ausgewanderten, außer dem Foto der Bücherverbrennung, keine weitere von Sebald "gefälschte Aufnahme" (137).[24]

Ebenso problematisch ist im Übrigen die Feststellung, dass die "vom Ich-Erzähler gemachten Aufnahmen – sowohl in den Ausgewanderten als auch in den übrigen Büchern – grundsätzlich nicht seine Gesprächspartner wieder[geben]", wobei als Beispiele Henry Selwyn, Max Aurach und Tante Fini genannt werden (134). Von letzterer und Onkel Kasimir existiert aber sehr wohl eine Aufnahme, nämlich auf Seite 104, während im Fall von Aurach hinzuweisen wäre auf die Illustration auf Seite 265, welche ein Auge von Frank Auerbach zeigt, dem evidenten Vorbild von Max Aurach; des Weiteren dürfte es sich bei einem der Kinder auf dem Gruppenfoto auf Seite 325 mit großer Wahrscheinlichkeit um Sebalds späteren Vermieter Peter Jordan handeln, der ein weiteres Modell für Aurach lieferte.

V. Aufbau und Struktur

W.G. Sebald, der ein Ausnahmeautor nicht nur wegen des Hybridcharakters seines Werks ist, passt nicht ganz ins gängige Schema, das die Metzler'sche Handbuch-Reihe vorgibt, wie die Herausgeber im Vorwort erläutern. Auf eine ausführliche biografische Darstellung werde bei ihm verzichtet, "weil viele seiner nahen Angehörigen und Freunde noch am Leben sind" und man sich nicht einer "moralisch zweifelhaften Ausbreitung seines Privatlebens" (VIII) schuldig machen möchte.

Der erste Hauptteil, 'Schriften' betitelt, behandelt sinnvoller Weise literarische und literaturkritische Schriften, wobei die Entwicklung des Werkes insofern verzerrt wird, als in antichronologischer Anordnung der Erzählprosa der Vortritt gegenüber den literaturkritischen Essaybänden und den Qualifikationsarbeiten gegeben wird. Ein nötiger Eintrag, der sich kurz zum (vermeintlich verschollenen) Jugendroman und dem (lyrischen) Frühwerk äußert, fehlt bedauerlicherweise. Am Ende des Abschnitts stehen sinnvollerweise die Interviews, die durchaus zum fiktionalen Werk gerechnet werden können, nicht zuletzt angesichts der vielen Unwahrheiten und Selbststilisierungen, die Sebald vielfach gegenüber seinen Interviewern äußerte. Die Einträge zu den Erzählwerken, die zu den meistkonsultiertesten Abschnitten gehören dürften, stammen von ausgewiesenen ExpertInnen. Die Analysen sind durchweg kompetent abgefasst und fassen den gegenwärtigen Erkenntnisstand fachkundig zusammen. Sie identifizieren herausragende Aspekte der Texte und äußern, wo nötig, auch Kritik an ihnen. Zudem bringen sie verdienstvoller Weise teils neue Details; Informationen mit Bezug zum Nachlass finden sich aber eigentlich nur im Eintrag zu Austerlitz. Dennoch bietet dieser Kernteil des Handbuchs für Sebald-NovizInnen mustergültige Anlaufpunkte für eine erste Information, taugt aber zugleich für ExpertInnen als kompakte Zusammenfassung des gegenwärtigen Erkenntnisstands zu den Werken. Vereinzelte kleine Fehler oder Verwechslungen ändern nichts am Wert dieses zentralen Abschnitts.[25] Die Erwartungen, die man an ein Handbuch zu Sebald haben kann, werden in diesem Fall also vollends eingelöst, und das ist ein großes Verdienst.

Der nachfolgende Abschnitt, 'Essays und Porträts' überschrieben, ist von eher schwankender Qualität. Die beiden Sammelbände zur österreichischen Literatur werden lediglich per inhaltlichen Kurzreferaten resümiert, ohne Schwerpunkte zu setzen, die den Charakter zentraler essayistischer Scharnierstellen im literarischen Werk herausheben würden; zudem findet erstaunlicherweise keine Auseinandersetzung mit relevanter Forschungsliteratur zum Thema statt. Zum Verständnis des Gesamtwerks tragen diese Einträge, die jeden Essay zu einem Absatz komprimieren, somit kaum bei. Der Eintrag zum Essayband über die alemannische Literatur hätte denn auch mehr Raum verdient, handelt es sich doch um ein zentrales Werk, das eine wiederum hybride Position zwischen literarischen und literaturkritischen Schreibmodi einnimmt und in gewisser Weise als Eröffnung eines dritten Werkbereichs verstanden werden kann, der sich durch den vorzeitigen Tod Sebalds nie hat ausbilden konnte. Auf nur fünfeinhalb Seiten allerdings konnte die tiefgehende Würdigung, die dieser Band verdient, nicht angemessen geleistet werden.[26] Keine leichte Aufgabe war ferner zweifelsohne, sich auf fünfeinhalb Seiten mit dem ausufernden Komplex Luftkrieg und Literatur auseinanderzusetzen. Es gelingt dennoch, durchaus angemessen, aus der Rückschau die kontroverse Diskussion zusammenzufassen und dabei Probleme der Argumentation wie Verdienste Sebalds kritisch zu würdigen.

VI. Geschöntes Bild

Unter der Überschrift 'Parameter des Schreibens, Materialität und Medialität' werden dann zwölf Einträge zu Themen wie Reisen, Malerei, Poetik der Dinge, Architektur, Stil/Schreibweise, Intertextualität/Vernetzung und Bild-Text versammelt. Diese betreffen wesentliche Aspekte des Werks, stammen oft von etablierten ExpertInnen, aber auch NachwuchsforscherInnen kommen zu Wort. Die Qualität der Einträge (und die Fehlerfrequenz) schwankt etwas, ist aber durchweg auf gutem bis hohem Niveau. Zwar ließe sich diskutieren, ob Themen wie Architektur oder Poetik der Dinge tatsächlich essenziell sind, aber man darf zustimmen, dass ein Zuviel immer besser ist als ein Zuwenig. Kritisch hervorzuheben in diesem Abschnitt ist allerdings der Eintrag zum Stichwort 'Polemik'. Die Entscheidung, diesem konstitutiven Aspekt, der das Profil von Sebalds Werk wesentlich prägt, nur drei Seiten zuzubilligen, steht exemplarisch für das Anliegen des Handbuchs, die eigensinnige Statur und das singuläre Profil des Schriftstellers W.G. Sebald aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen, nicht zuletzt da der polemische Modus das Gesamtoeuvre umfasst, von Sebalds erster Publikation (über Sternheim) bis zur Kontroverse infolge der zugespitzten Thesen zu Luftkrieg und Literatur reichend.

Ebenso handelt es sich beim Polemischen um einen entscheidenden werkgenetischen Knackpunkt, denn die vergleichsweise späte Konversion zum literarischen Schriftsteller war wesentlich davon motiviert, nach seinen affektgeleiteten Angriffen auf die Germanistik als Disziplin (wie vornehmlich in seinen ikonoklastischen Attacken auf Autoren wie Döblin oder Andersch) eigene literarische Texte zu produzieren, die eben jene strikte, manchmal engstirnige normative Poetologie, vor deren Hintergrund Sebald andere Schriftsteller kritisierte, als Leitfaden seiner eigenen Literatur zu nutzen, die nun wiederum heute als ein Höhepunkt der Erzählkunst des späten 20. Jahrhundert gilt, wie nicht zuletzt die Existenz des Sebald-Handbuchs belegt.

Dieses räumt aber dem lebenslangen Polemiker Sebald lediglich ein Prozent seines Umfangs ein; auf derart wenig Platz kann nur eine zwangsläufig oberflächliche Darstellung und Zusammenfassung der Kernpunkte erfolgen, die der Beitrag angesichts des begrenzten Platzes ohnehin mit Bravour leistet, wenngleich er dabei primär auf die literaturkritischen Schriften blicken kann. Doch zur Polemik gehören eben auch heikle Punkte wie die provokante, "bewusst moralisch unstatthafte[]" (252) Analogisierung, die Sebald beispielsweise zwischen toten Heringsbergen und KZ-Opfern in Die Ringe des Saturn herstellt, oder die ebenda ausgebreitete, wissenschaftlich absurde These, dass die Kolonialverbrechen der Belgier bei nachfolgenden Generationen zur Erhöhung der Rate an körperlich und geistig Behinderten geführt habe. Desweiteren zu nennen wäre die unstatthafte Analogisierung von Amérys Foltererfahrungen unter den Faschisten mit den kindlichen Körperreinigungsritualen des Erzählers sowie – im Kontext der Literaturkritik – beispielsweise die metonymisch nahegelegte Verknüpfung der durch den Luftkrieg verursachten Feuerstürme mit den Verbrennungsöfen in den Vernichtungslagern.

Der vielgelobte, den internationalen Durchbruch auslösende Erzählungsband Die Ausgewanderten und die Polemik über den zum Entstehungszeitpunkt noch lebenden Holocaustüberlebenden Jurek Becker gehören nicht nur werkchronologisch zusammen, sie sind bei Sebald zwei Seiten einer Medaille. Dasselbe gilt für das polemische Luftkriegsbuch und den Roman Austerlitz, in dem Sebald seine Pauschalkritik an der Nachkriegsliteratur – etwas verkürzt, aber nicht unzutreffend gesagt – fortführt, indem er nicht nur innerhalb von Luftkrieg und Literatur einer Kostprobe gibt, wie eine literarisch gültige Beschreibung des Phänomens Feuersturm aussehen könnte, sondern anhand von Austerlitz demonstriert, wie aus seiner Sicht ein literarisch gültiger Roman über die Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts ausfallen müsste.

In der zwangsläufig schubladisierenden Natur eines Handbuchs aber werden solche unbequemen Zusammenhänge durchschnitten, um sie jeweils in unterschiedlichen Abschnitten einzuordnen. Die Beispiele für ein eigensinniges Denken, das linksliberale Vorstellungen und den Zensurdiskurs der politischen Korrektheit herausfordert, werden an den entsprechenden Stellen allenfalls (teilweise) konstatiert, jedoch nicht wirklich kritisch bedacht. Diese Verfahrensweise sorgt dafür, dass das präsentierte Bild von W.G. Sebald nur ein geschöntes, bereinigtes und letztlich einseitiges Portrait ist.

Paradigmatisch für die Probleme, die Sebald seinen Exegeten und Apologeten auferlegt, ist die bis in die 1990er Jahre reichende, konsistente Verwendung des Begriffs 'Neger' (in unterschiedlichen Fügungen) in den literaturkritischen wie literarischen Schriften. Der Eintrag zu 'Stil/Schreibweise' wagt es zwar, sich mit diesem, von der Sebald-Philologie wie ein schmutziges Familiengeheimnis bisher resolut verschwiegenen, Umstand zu beschäftigen, doch kann darin auch nur hilflos festgestellt werden, dass solch "politisch inkorrekte Lexik" angesichts "der strikten moralischen Ansprüche, die Sebald ans Schreiben stellt, allerdings heraus[sticht]". (148) Entschärft werden soll die Brisanz, indem der Eintrag zum einen, wissenschaftlich gerechtfertigt, von der "Erzählstimme" (und mithin nicht dem Autor Sebald) als Aussageinstanz spricht, und zum anderen (unzutreffender Weise) behauptet, die problematischen Stellen seien allesamt nur "zitierend" (148) verwendet.[27] Solche Hilflosigkeit im Umgang mit dem 'N-Wort' dokumentiert keineswegs eine fehlende fachliche Kompetenz zur Textdeutung, sie zeigt vielmehr symptomatisch eine konstitutive Unfähigkeit der Sebald-Philologie auf, diesen inkommensurablen Aspekt in das vorherrschende (und nunmehr kanonisierte) Bild einzuordnen, das vom Autor gezeichnet wird. Diese Komplexitätsreduktion des Phänomens Sebald aber, und damit kann auf die einleitenden Beobachtungen zum Umgang der internationalen Literaturgeschichtsschreibung mit Sebald zurückgekommen werden, scheint das Handbuch nicht reflektieren zu wollen.

VII. Obstkorb der Früchte der Sebald-Forschung

Im nachfolgenden Abschnitt 'Themen und Diskurse' sind dann jene Einträge zu finden, die sich zum Ziel setzen, die markanten Teile der überbordenden Forschung zu Sebald, die sich in tautologischer Weise auf die in diesem Teil des Handbuchs behandelten Themenfelder bezieht, zusammenzufassen. Zu den wesentlichen Problemen der Sebald-Forschung gehört, sich die stets gleichen Themen wie insbesondere Melancholie, Gedächtnis, Trauma, Holocaust und Judentum, und dies zumeist am Beispiel von Austerlitz bzw. Die Ausgewanderten, vorzusetzen, ohne dabei mittlerweile noch tatsächliches Neues an den Tag fördern zu können. Die wesentlichen Ergebnisse der Massen an Publikationen in diesem Abschnitt konzise zugänglich zu machen, war keine leichte Arbeit, die jedoch fast durchweg bravourös gelingt, was ausdrückliche Würdigung verdient. Es ist eine veritable Dienstleistung und Handreichung, nun in der Lage zu sein, das Wesentliche zu den Kernthemen, aber auch verwandten, vergleichsweise eher weniger beachteten Aspekten wie Naturgeschichte, Krieg und Gewalt oder Kritische Theorie kompetent nachlesen zu können. Besonders herauszuheben sind dabei die Einträge zu Holocaust und Judentum, besteht doch hier die größte Gefahr, Sebald misszuverstehen bzw. zu vereinnahmen in Form simplifizierender Wahrnehmungen als unkritischen Philosemiten oder als Autor ausdrücklicher Holocaust-Literatur, wie dies insbesondere in der ersten Phase der anglophonen Rezeption der Fall war.

Am Beispiel des an sich lesenswerten Beitrags zu Ethik des Schriftstellers lässt sich schließlich die jede wissenschaftliche Publikation betreffende Problematik illustrieren, aktuellere Publikationen angesichts vorgegebener (allerdings ohnehin zumeist überschrittener) Redaktionsschlüsse nicht zwingend berücksichtigen zu können. Die im Juli 2016 erschienene Studie Die Gewalt des Moralisten. Zum Verhältnis von Ethik und Ästhetik bei W. G. Sebald von Mario Gotterbarm repräsentiert nicht weniger als den ersten ernst zu nehmenden Einspruch gegen eine oftmals apologetische Sebald-Philologie, da er das rigide Junktim, das Sebald zwischen Ethik und Ästhetik bereits in der Lizenziats-Version der Sternheim-Arbeit postuliert, diskreditierend gegen Sebalds Gesamtwerk zu wenden versucht.[28] Zwar fällt die Wertung, insofern Sebalds Literaturkritik emulierend, oft stark einseitig aus, aber in einigen Aspekten ist Gotterbarms Argumentation durchaus bedenkenswert, nämlich als kritischer Einspruch, von dem eben auch der entsprechende Eintrag wesentlich profitiert hätte.[29]

Als problematisch darf man den Eintrag zu Familie/Familiengeschichten bezeichnen, der meist über Banalitäten nicht hinausreicht und es verabsäumt, den Großvater Sebalds als biografischen Zentralpunkt angemessen zu identifizieren und diskutieren. Mit diesem Versäumnis steht der Eintrag aber paradigmatisch für die Kritik am vorliegenden Vorhaben, die Rolle von Josef Egelhofer für die Entwicklung und das Weltbild von Sebald gebührend zu würdigen, insbesondere auch was das traumatisierende Erlebnis seines Todes für die melancholische Disposition des Autors und die daraus erwachsene 'Trauerlast' betrifft, die aus der Sichtweise von Sebald als einem Holocaust-Autor automatisch als Resultat seiner Konfrontation mit der Shoah erscheint.

Der fünfte Abschnitt ist 'Referenzen' überschrieben und behandelt den Kanon jener Geistesverwandten, denen sich Sebald zugehörig fühlte, weshalb ihre Schriften sowie ihre Biografien bedeutungsvolle Spuren in seinem Werk hinterließen. Wie aber schon ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, ist die Liste der Namen, die kompiliert worden sind, eine recht unvollständige: Zwar finden sich darin Kafka, Robert Walser, Nabokov, Benjamin, Améry und der Malerfreund Tripp, offensichtliche Absenzen aber sind der zweifellos unabdingbare Ludwig Wittgenstein, der wegweisende Peter Handke sowie der für Sebald sehr wichtige Peter Weiss. Bezeichnend ist vor allem aber die Ausgrenzung von Ernst Herbeck und Herbert Achternbusch als Vertreter einer 'minderen Literatur', denn beide besaßen eine ganz wesentliche Bedeutung für Sebald, da er sich anhand ihrer Werke das Verfahren der Bricolage aneignete, worauf aber im fünfseitigen Eintrag im Handbuch nur einmal kursorisch anhand von Herbeck eingegangen wird. Die Entscheidung, diese und andere wichtige Stichwortgeber 'minderen' Status (z. B. Außenseiter, Esoteriker und Amateure wie Rupert Sheldrake, Pierre Bertaux oder Alois Irlmaier) als wesentliche Anreger für das Denken und Schreiben von Sebald[30] gleichsam unter den Tisch fallen zu lassen, anstatt zumindest Herbeck und Achternbusch einen kombinierten Eintrag zu widmen, ist ein weiteres Indiz für das begradigende Bild, das von Sebald entworfen wird.

Von dieser Kritik abgesehen ist allerdings zu konstatieren, dass die vorhandenen Beiträge die Vorbildfunktion der besprochenen Autoren für Sebald kompetent und aufschlussreich erläutern, was zumal im Fall von Kafka und Benjamin eine besondere Leistung darstellt angesichts des begrenzten Raumes. Der Beitrag zum Verhältnis Benjamin-Sebald, eines der überforschten Themen der Sebald-Forschung,[31] verdient es, zusätzlich hervorgehoben zu werden, weil hierzu explizit der Nachlass konsultiert worden ist. So wird hier wiederholt auf die Anstreichungen verwiesen, die Sebald in den Arbeitsexemplaren der Ausgaben von Benjamins Büchern aus seiner Privatbibliothek gemacht hat: "Mit Anstreichungen in neun verschiedenen Farben ist Sebalds Ausgabe der Habilitationsschrift ein wahres Palimpsest wiederholter Lektüren" (286; vgl. auch 285, 288). Doch eine solche Nutzung des Nachlasses bleibt unter den Beiträgen im Handbuch leider eine Ausnahme, worüber allenfalls hinwegzutrösten vermag, dass sich darin ein interessanter Eintrag zum Nachlass findet, der über sein Pendant in Saturn's Moons hinausgeht, indem er neben einer Charakteristik des Archivbestands auch die fiktiven Nachlässe im erzählerischen Werk Sebalds und die Problematik der Ausstellbarkeit des Nachlasses diskutiert.

VIII. Unrunde Abrundung

Das Sebald-Handbuch wird abgeschlossen durch einen 'Rezeption' überschriebenen Abschnitt, der eben dieser zunächst im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum nachgeht; die Rezeption in Frankreich wird nachgezeichnet, kümmert sich aber nicht (wie im Fall der beiden vorangehenden Beiträge) um weitere frankophone Länder wie etwa Belgien. Dort wiederum hat man von flämischer Seite Sebalds wenig schmeichelhafte Schilderungen von Gegenwart wie Vergangenheit des Königsreiches kritisiert,[32] was somit ebenso unberücksichtigt bleibt wie die interessante Rezeption, auf die Sebald in den Niederlanden gestoßen ist. Angesichts der emphatischen Rezeption, die Sebald in Spanien fand, für die exemplarisch die 2015 in Barcelona (samt Rahmenprogramm) abgehaltene Ausstellung Las variaciones Sebald genannt sei, erstaunt ein wenig, dass dieser Kulturraum[33] ebenso wie der Rest der Welt ausgeklammert bleiben, versprächen doch Beiträge 'einheimischer' Experten sicher faszinierende Einsichten in die Art und Weise, wie Sebalds längst als 'Weltliteratur' gewürdigtes Werk[34] eine unterschiedliche Resonanz in unterschiedlichen Kulturen findet und finden wird.

Gelungen ist der 'Zur Sebald-Forschung' überschriebene Eintrag, der auf vier Seiten eine hervorragende Wegweisung gleichsam durch den Dschungel der Publikationen bietet und zugleich beweist, dass es möglich ist, relevante Publikationen, die im November 2016 erschienen sind, trotz drängenden Redaktionsschlusses zu berücksichtigen. Gekennzeichnet als 'Appendix' wird das Handbuch abgeschlossen durch einen Beitrag von Sebalds zweiter englischer Übersetzerin, die zwar fruchtbare Einsichten zu vermitteln mag, die aber in keiner Weise über ihren korrespondieren Beitrag in Saturn's Moons hinausgehen. Hinter den bestehenden wissenschaftlichen Publikationen zum nicht unerheblichen Aspekt der Problematik der Übersetzbarkeit Sebald'scher Texte samt dessen aktiver Mitwirkung an den englischen sowie – leider unberücksichtigt bleibenden – französischen Übersetzungen bleiben diese persönlichen Erinnerungen zurück.

Eine der verdienstvollen Qualitäten des englischen Sebald-Handbuchs waren die extensiven Bibliografien, die in bester philologischer Manier das Werkprofil Sebalds (samt Vorabdrucken, Übersetzungen etc.) überhaupt erstmals begreiflich machten, desweiteren seine Arbeits- bzw. Privatbibliothek, aber auch alle bekannten audiovisuellen Dokumente katalogisierten sowie alle Interviews bibliografierten und mit einem Index versahen – von der immensen Bibliografie der internationalen Sekundärliteratur ganz zu schweigen. Einschließlich des biografischen Abrisses umfasst dieser, wie es neudeutsch aber nicht unzutreffend heißt, 'Serviceteil' des englischen Handbuchs rund 270 Seiten, die für jeden Sebald-Forscher unverzichtbar sind. Das Metzler-Pendant hingegen verzichtet ganz auf dergleichen Handreichungen, obwohl es sich etwa angeboten hätte, zumindest die Bibliografie der Sekundärbibliografie seit 2010 fortzusetzen (und zwar im Sinne eines ergänzenden Zusammenspiels beider Handbücher). Geboten wird allein ein Personenregister als Schwundstufe eines darüber hinaus auch Themen und Texte erfassenden Indexes. Das Personenregister ist zudem insofern defizitär, als es nur Erwähnungen per Klarnamen erfasst; Josef Egelhofer, Sebalds Großvater und engste emotionale Bezugsperson, wird etwa im Personenregister lediglich einmal per "276-277" (331) erfasst, obwohl er ebenso auf den Seiten 27, 60, 62, 90, 117, 233, 265 und 280 explizit erwähnt wird, wie sich per Durchsuchung der E-Book-Version ermitteln lässt.[35] Falschschreibungen von Personennamen werden darin außerdem ebenfalls unkritisch übernommen – so im Fall des Regisseurs Grant Gee, dessen Name inkorrekt als "Lee" (320) wiedergegeben ist.[36]

IX. Fazit

Zusammenfassend fallen bei der Abwägung der vielen Stärken gegenüber der evidenten Schwächen am Ende auch ärgerliche handwerkliche Mängel auf: Ein Beispiel dafür ist die mutmaßlich bewusste Verfälschung eines Buchtitels, nämlich Schwindel. Gefühle., der um seinen zweiten Satzpunkt beraubt und somit verstümmelt wird. Diese durchgehende, wenngleich auch nicht restlos erfolgte (vgl. 253, 300) Unterschlagung bedeutet einen philologisch schlichtweg nicht rechtfertigbaren Eingriff in eine gezielte, künstlerisch motivierte Autorentscheidung. Vergleichbar ist sie beispielsweise mit einer Korrektur der bewusst gewählten 'Fehlschreibung' im Buchtitel Mutmassungen über Jakob, die kein Johnson-Philologe eigenmächtig 'korrigieren' würde. Auch wenn dieser Fehler aus mangelnder Sorgfalt resultiert, werden dadurch die Leserinnen und Leser des Handbuchs bei jeder der über 150 Erwähnungen des verstümmelten Titels stellvertretend daran erinnert, dass damit der Eigensinn und die Idiosynkrasie von Sebald nicht erkannt oder ernstgenommen, sondern regelrecht zensiert, begradigt oder unterschlagen wird.

So wie dieses Handbuch bereits im ersten Satz mit einem Tippfehler beginnt, annonciert es in seinem letzten Satz ein Buch, das (noch) gar nicht existiert, nämlich die auf 2012 datierte englische Übersetzung der beiden Essaybände zur österreichischen Literatur durch Sebalds frühere UEA-Kollegin Jo Catling, deren (derzeitiger Arbeits-)Titel Silent Catastrophes lautet (325).[37] Wie im Fall des als verschollen behaupteten Jugendromans zu Beginn des Bandes wird auch hier eine Korrektur der entstellten Faktenlage unterlassen. Indem auf diese Weise an manchen Stellen ein – wiederholt gesagt – geschöntes, von Ungereimtheiten bereinigtes Bild von Sebald gezeichnet wird, kann aber zukünftig die wirklich aufregende Zeit in der Sebald-Forschung tatsächlich beginnen: Es gilt – und diese Rezension versteht sich als ein Startsignal dazu –, die sachlichen Fehler in diesem Kanonisierungswerk zu berichtigen, bevor sie als wissenschaftlich gesicherte Fakten weitertradiert werden, und die bestehenden Lücken des Wissensstands zu schließen, indem übergangene Werkteile und ignorierte Fragestellungen in den Fokus gerückt werden. In allererster Linie jedoch gilt es, die zu Wahrheiten geronnenen Vereinfachungen der Schriften wie auch der Persönlichkeit zu revidieren, um der Beschäftigung mit W.G. Sebald neue wie tiefere Perspektiven zu eröffnen.[38]


Anmerkung

Der Verfasser hat selbst am vorliegenden Handbuch als Beiträger mitgearbeitet und die Beiträge 'Wissenschaftliche Biographie'‚'Robert Walser', 'Carl Sternheim' und 'Rezeption im anglo-amerikanischen Raum' beigesteuert. Zuletzt erschien als Herausgeber: Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem anderen Bild des Autors, Berlin 2017. Eine englischsprachige Einführung zu Sebald erschien im August 2018 in der Reihe Writers And Their Work bei Liverpool University Press.


Fußnoten

[1] Sørensen, Bengt, Algot (Hg.) (2016): Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Müchen: Beck.

[2] Siehe hierzu auch Reich-Ranicki, Marcel (1994): Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts: Von Arthur Schnitzler bis Robert Musil, Zürich: Manesse.

[3] Sørensen, Bengt, Algot (Hg.) (2016): Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Müchen: Beck, 446.

[4] Vgl. u. a. Ingebrigtsen, Espen (2016): Bisse ins Sacktuch. Zur mehrfachkodierten Intertextualität bei W.G. Sebald, Bielefeld: Aisthesis; Jeewon, Kim (2016): Ein Beitrag zur Epistemologie und Ethik in der Literatur und Wissenschaft. Familienfotos in den Werken W. G. Sebalds, Würzburg: Königshausen & Neumann; Riedl, Eva (2017): Raumbegehren. Zum Flaneur bei W.G. Sebald und Walter Benjamin, Frankfurt am Main: Lang; Braun, Anna (2015): W. G. Sebalds "Austerlitz" als Erinnerungsroman, Baden-Baden: Tectum; Gotterbarm, Mario (2016): Die Gewalt des Moralisten. Zum Verhältnis von Ethik und Ästhetik bei W. G. Sebald, Paderborn: Fink. Bei dieser Auswahl berücksichtigt wurden nur Arbeiten, die sich nicht komparativ mit Sebald beschäftigen. Im Zeitraum von 2016 bis 2017 allein sind dazu fünf weitere Publikationen zu verzeichnen.

[5] Vgl. die allein Sebald gewidmeten Studien der Jahre 2017 und 2018: Gray, Richard T. (2017): Ghostwriting. W. G. Sebald’s Poetics of History, New York: Bloomsbury Academic; Itkin, Alan (2017): Underworlds of Memory: W.G. Sebald's Epic Journeys through the Past, Evanston, IL: Northwestern University Press; Kilbourn, Russell (2018): W.G. Sebald's Postsecular Redemption: Catastrophe with Spectator, Evanston, IL: Northwestern University Press.

[6] Schwamborn, Frank (2017): W.G. Sebald. Moralismus und Prosodie, München: Iudicium.

[7] Für einen detaillierten Überblick der Sebald-Sekundärliteratur seit 2015 vgl. meinen derzeit in Druck befindlichen Rezensionsessay in den Weimarer Beiträgen.

[8] Sebald, W.G. (1998): Luftkrieg und Literatur, München: Hanser.

[9] Sebald, W.G. (1986): "Tiere, Menschen, Maschinen – Zu Kafkas Evolutionsgeschichten", in: Literatur & Kritik 205/206 (1986), 194–201, hier: 194.

[10] Vgl. Hanna, Christian M./Reents, Friederike (Hg.) (2016): Benn-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler.

[11] Joch, Markus (2017): Ich-Entgrenzung, in: Der Freitag v. 08.02.2017.

[12] Dass dabei die emulierende Schreibweise in Kapitälchen aus dem literarischen Text entfällt, sei ebenfalls angemerkt.

[13] Sebald, W.G. (1994): Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke, Frankfurt am Main: Fischer, 81. Siehe auch den darin enthaltenen Essay zu den Aporien deutschsprachiger Ghettogeschichten. Sebald interpretiert darin die "Rückkunft in die Heimat […] als eine Metapher des Todes. Die Heimat ist der gute Ort. Und der gute Ort ist der Friedhof, »wo der blaue Himmel freundlich auf das kleine Feld herablächelt, das ganz eingehüllt ist in frisches Grün und Frühlingsduft«. […] Darum ist auch die natürliche Gemeinde des Heimkehrers diejenige der Toten." (54)

[14] Ebd., 86. Zu der fehlinterpretierten Stelle im Hebbel-Essay vgl. Schütte, Uwe (2011): Interventionen. Literaturkritik als Widerspruch bei W.G. Sebald, München: Edition Literatur & Kritik, 562–563.

[15] Diese Fehldeutung mag man als symptomatisch sehen für eine grundsätzliche Tendenz in der Wahrnehmung Sebalds, nämlich seine zunehmend gnadenlos perspektivierte fatalistische Weltsicht nicht in ihrer ganzen Konsequenz anzuerkennen, weil deren unnachgiebiger Pessimismus eine Provokation links-liberaler Vorstellungen einer grundsätzlichen Verbesserbarkeit der Welt und der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit des Lebens repräsentiert.

[16] Vgl. Comber, Philippa (2015): Ariadne's Thread. In Memory of W.G. Sebald, Norwich: Propolis, 15.

[17] Vgl. Schütte, Uwe (2017): "Durch die Hintertür. Zu W.G. Sebalds unveröffentlichter Szenenreihe über das Leben und Sterben des Immanuel Kant", in: ders. (Hg.): Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem anderen Bild des Autors, Berlin: De Gruyter, 65–98.

[18] So entstand der dritte, autobiografisch gefärbte Teil von Nach der Natur nicht im "Spätherbst 1987" (7), sondern war 1985 bereits fertiggestellt und wurde im März 1987 publiziert. Vgl. den Eintrag E.A.3 in der von Richard Sheppard besorgten Primärbibliografie der Publikationen Sebalds in Catling, Jo/Hibbitt, Richard (Hg.) (2011): Saturn's Moons. A W.G. Sebald Handbook, Oxford: Legenda, 446–496, hier: 474.

[19] Vgl. ausführlicher dargestellt in Denham, Scott (2006): "Foreword. The Sebald Phenomenon", in: ders./McCulloh, Mark (Hg.): W.G. Sebald: History, Memory, Trauma, Berlin: De Gryuter, 1–6.

[20] Man denke beispielsweise an den für Mai 2017 geplanten Workshop für Postgraduierte an der University of Leeds, bei dem es darum geht, das Œuvre in den Kategorien affect studies, climate change, the anthropocene, planetarity, feminism and critical masculinities, the posthuman, the animal, borders, migration and refugees zu untersuchen

[21] Bartsch, Scott (2017): "W.G. Sebald's 'Prose Project'. A Glimpse into the Potting Shed", in: Schütte, Uwe (Hg.): Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem anderen Bild des Autors, Berlin: De Gruyter, 99–134.

[22] Im Übrigen waren die Fotografien in der Nachkriegszeit durchaus bekannt, da sie in dem in hoher Auflage erscheinenden Magazin Life abgedruckt wurden.

[23] Dazu wird behauptet, es handele sich "zwar nicht um eine Manipulation der Reproduktion, wohl aber um eine Manipulation des reproduzierten Dokuments selbst." (136) Wie allerdings der Archivbestand zeigt, hat Sebald die Texte auf Fotokopien des originalen Dokuments geschrieben, nicht auf das Dokument selbst. Die abgebildeten Texte sind mithin Manipulationen mechanischer Reproduktionen, nicht des originalen Dokuments.

[24] So gehören zu den gefälschten Illustrationen die vorgebliche Fotografie des Hotel Roches Noires auf Seite 174, die Doppelseiten 195/96 und 200/01 mit Auszügen aus dem Agendabüchlein sowie die gefälschte Visitenkarte des Ambros Adelwarth auf Seite 150.

[25] So wird einmal der New Jersey Shore mit Long Island verwechselt oder inkorrekt behauptet, dass Austerlitz als "das letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Werk" (48) sei.

[26] Hinzuweisen wäre auch darauf, dass eingangs die falsche Behauptung aufgestellt wird, dass die Beiträge des Bandes "1996 verfasst" (89) wurden, was bekanntlich falsch ist, denn sowohl in der Aufnahme einer Lesung des Gottfried Keller-Essays durch Sebald, mit der Agazzi den Eintrag eröffnet, weist dieser auf das Entstehungsjahr 1997 hin, wie auch Jo Catling im Vorwort ihrer 2013 erschienenen englischen Übersetzung A Place in the Country eigens darauf verweist, dass "he composed the main part of these essays in 1997" (Catling: Introduction, S. viii).

[27] Dies kann allenfalls in ein oder zwei Fällen behauptet werden, nicht aber insgesamt.

[28] Gotterbarm, Mario (2016): Die Gewalt des Moralisten. Zum Verhältnis von Ethik und Ästhetik bei W. G. Sebald, Paderborn: Fink.

[29]Unbeachtet im Handbuch bleibt bedauerlicherweise auch die wesentliche, um nicht zu sagen revolutionäre Entdeckung von Adrian West das Rembrand-Gemälde der Anatomie des Dr. Tulp betreffend, dessen verzerrender Diskussion von Sebald in Die Ringe des Saturn die bisherige Forschung unkritisch auf den Leim gegangen ist. Wie West nämlich unter Berufung auf handchirurgische Fachpublikationen zeigen kann, ist Rembrandts anatomische Darstellung, anders als von Sebald behauptet, in allen Details korrekt. Vgl. West, Adrian (2017): "Nostalgia for Probity in the Era of the Selfie. W.G. Sebald’s American Imitators", in: Schütte, Uwe (Hg.) (2017): Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem neuen Bild des Autors, Berlin: De Gruyter, 283–295, hier: 292–294.

[30] Zu den übersehenen Einflüssen gehört auch eine Figur wie Stanisław Lem, über dessen Rolle im Werk man sich etwa von Seiten der polnischen Germanistik mehr Forschung wünschen würde.

[31] Vgl. etwa aktuell Preuschoff, Nikolai Jan (2015): Mit Walter Benjamin: Melancholie, Geschichte und Erzählen bei W. G. Sebald, Heidelberg: Winter, sowie Banki, Luisa (2016): Post-Katastrophische Poetik. Zu W. G. Sebald und Walter Benjamin, München: Fink und Riedl, Eva (2017): Raumbegehren. Zum Flaneur bei W.G. Sebald und Walter Benjamin, Frankfurt am Main: Lang.

[32] So insbesondere bei dem flämischen Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Geert Lernout, der Die Ringe des Saturn im Rahmen einer Sammelrezension für die Brüsseler Zeitung De Morgen scharf kritisiert hatte aufgrund der darin unternommenen irrationalen Verknüpfung belgischer Hässlichkeit bzw. Verkrüppelung der Einwohner mit der kolonialen Vergangenheit. Ebenso war seine Rezension von Austerlitz in De Morgen vom 18.04.2001 stark ablehnend. Vgl. dazu ausführlich Ceuppens, Jan: "Im zerschundenen Papier herumgeisternde Gesichter. Fragen der Repräsentation in W.G. Sebalds 'Die Ausgewanderten'", in: Germanistische Mitteilungen 55 (2002), 79–96, hier: 79f.

[33] Zwar existiert bereits eine exzellente Würdigung der Rezeption in Spanien, die allerdings bereits über ein Jahrzehnt alt ist und daher einer Aktualisierung bedürfte: Gómez García, Carmen (2005): 'Ruinen der Gerechtigkeit'. Zur Rezeption W.G. Sebalds in Spanien, in: Atze, Marcel/Loquai, Franz (Hg.): Sebald. Lektüren, Eggingen: Isele, 122–132.

[34] Vgl. dazu das in Kürze erscheinende, von Sina Rahmani herausgegebene Sebald-Sonderheft der US-Zeitschrift boundary 2.

[35] Die für beträchtliche 89,95 Euro vertriebene pdf-Datei des Bandes erlaubt zwar die Abbringung von Hervorhebungen, verliert dadurch aber die Fähigkeit, durchsuchbar zu sein. Man muss insofern mit zwei Kopien arbeiten, einer sozusagen jungfräulichen Version zur Durchsuchung nach Stichworten und einer Version mit Anmerkungen/Hervorhebungen. Dieser benutzerunfreundliche Effekt betrifft zumindest die Mac-Plattform, ist aber auch von Windows-BenutzerInnen beobachtet worden.

[36] Hinzu kommt übrigens auf derselben Zeile durch eine fehlende Kapitalisierung eine kleine Fehlschreibung des Filmtitels als "Patience (after Sebald)" (320).

[37] Die Übersetzung ist derzeit noch im Gange und ein Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest.

[38] Diese Rezension wurde ursprünglich für IASL Online verfasst, konnte dort aber aus formalen Gründen nicht erscheinen. Eine gekürzte, für die nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit adaptierte Version erschien im August 2018 im Online-Kulturmagazin Faustkultur unter dem Titel "Zähmung eines Widerspenstigen", vgl. https://faustkultur.de/3618-0-Uwe-Schuette-zum-Sebald-Handbuch.html (letzter Zugriff: 21.09.2018).


Literatur

Banki, Luisa (2016): Post-Katastrophische Poetik. Zu W. G. Sebald und Walter Benjamin, München: Fink.

Bartsch, Scott (2017): "W.G. Sebald's 'Prose Project'. A Glimpse into the Potting Shed", in: Schütte, Uwe (Hg.): Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem anderen Bild des Autors, Berlin: De Gruyter.

Braun, Anna (2015): W. G. Sebalds "Austerlitz" als Erinnerungsroman, Baden-Baden: Tectum.

Catling, Jo/Hibbitt, Richard (Hg.) (2011): Saturn's Moons. A W.G. Sebald Handbook, Oxford: Legenda.

Ceuppens, Jan: "Im zerschundenen Papier herumgeisternde Gesichter. Fragen der Repräsentation in W.G. Sebalds 'Die Ausgewanderten'", in: Germanistische Mitteilungen 55 (2002), 79–96.

Comber, Philippa (2015): Ariadne's Thread. In Memory of W.G. Sebald, Norwich: Propolis.

Denham, Scott (2006): "Foreword. The Sebald Phenomenon", in: ders./McCulloh, Mark (Hg.): W.G. Sebald: History, Memory, Trauma, Berlin: De Gryuter, 1–6.

Gómez García, Carmen (2005): 'Ruinen der Gerechtigkeit'. Zur Rezeption W.G. Sebalds in Spanien, in: Atze, Marcel/Loquai, Franz (Hg.): Sebald. Lektüren, Eggingen: Isele, 122–132.

Gotterbarm, Mario (2016): Die Gewalt des Moralisten. Zum Verhältnis von Ethik und Ästhetik bei W. G. Sebald, Paderborn: Fink.

Gray, Richard T. (2017): Ghostwriting. W. G. Sebald's Poetics of History, New York: Bloomsbury Academic.

Hanna, Christian M./Reents, Friederike (Hg.) (2016): Benn-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler.

Ingebrigtsen, Espen (2016): Bisse ins Sacktuch. Zur mehrfachkodierten Intertextualität bei W.G. Sebald, Bielefeld: Aisthesis.

Itkin, Alan (2017): Underworlds of Memory: W.G. Sebald's Epic Journeys through the Past, Evanston, IL: Northwestern University Press.

Jeewon, Kim (2016): Ein Beitrag zur Epistemologie und Ethik in der Literatur und Wissenschaft. Familienfotos in den Werken W. G. Sebalds, Würzburg: Königshausen & Neumann.

Joch, Markus (2017): Ich-Entgrenzung, in: Der Freitag v. 08.02.2017.

Kilbourn, Russell (2018): W.G. Sebald's Postsecular Redemption: Catastrophe with Spectator, Evanston, Ill: Northwestern University Press.

Preuschoff, Nikolai Jan (2015): Mit Walter Benjamin: Melancholie, Geschichte und Erzählen bei W. G. Sebald, Heidelberg: Winter.

Reich-Ranicki, Marcel (1994): Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts: Von Arthur Schnitzler bis Robert Musil, Zürich: Manesse.

Riedl, Eva (2017): Raumbegehren. Zum Flaneur bei W.G. Sebald und Walter Benjamin, Frankfurt am Main: Lang.

Schütte, Uwe (2011): Interventionen. Literaturkritik als Widerspruch bei W.G. Sebald, München: Edition Literatur & Kritik, 562–63.

Schütte, Uwe (2017): "Durch die Hintertür. Zu W.G. Sebalds unveröffentlichter Szenenreihe über das Leben und Sterben des Immanuel Kant", in: ders. (Hg.): Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem anderen Bild des Autors, Berlin: De Gruyter, 65–98.

Schütte, Uwe (2018): Zähmung eines Widerständigen, online unter: https://faustkultur.de/3618-0-Uwe-Schuette-zum-Sebald-Handbuch.html (letzter Zugriff: 18.09.2018).

Schwamborn, Frank (2017): W.G. Sebald. Moralismus und Prosodie, München: Iudicium.

Sebald, W.G. (1986): "Tiere, Menschen, Maschinen – Zu Kafkas Evolutionsgeschichten", in: Literatur & Kritik 205/206 (1986), 194–201.

Sebald, W.G. (1994): Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke, Frankfurt am Main: Fischer.

Sebald, W.G. (1998): Luftkrieg und Literatur, München: Hanser.

Sørensen, Bengt, Algot (Hg.) (2016): Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Müchen: Beck.

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