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2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Rezension: Theorien des Essens

von Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer (Hg.)

AutorIn: Bianca Burger

Essen ist ein zentraler Aspekt des menschlichen Lebens. Ein Aspekt, der auch von unterschiedlicher wissenschaftlicher Seite im Laufe der letzten Jahrzehnte mehr Beachtung erfahren hat. Kaum ein Thema beschäftigt Menschen so sehr wie Essen und dessen Formen. Bianca Burger rezensiert ...

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN 978-3-518-29781-0


Cover: Theroien des Essens
von Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer (Hg.)
Quelle: Amazon

In Zeiten, in denen gefühlt täglich neue Ernährungsweisen auftauchen, ist es sehr schwer, den Überblick zu behalten. Essen ist ein Bereich des menschlichen Lebens, der ständigem Wandel unterliegt und durch viele äußere Faktoren beeinflusst wird. So hat die Trias Industrialisierung, Technisierung und Urbanisierung die Nahrungsaufnahme und die Wahrnehmung von Essen entscheidend verändert. Eine Entwicklung, die bis heute andauert. Auf Grund der vielen Einflussfaktoren und deren verschieden gewichteter Relevanz ist Essen auch in den Fokus der Wissenschaft geraten und seither ein zentraler Forschungsgegenstand unterschiedlichster Disziplinen. Der Facettenreichtum des Themas "Essen" ist Segen und Fluch zugleich. Die Breite des Themas und die disziplinäre Spannweite machen es zu einem Ding der Unmöglichkeit, eine einheitliche, verständliche und brauchbare Theoriesprache zu entwickeln. Auch ein einheitliches Vorgehen bei der Untersuchung wird dadurch erschwert.

Obwohl bereits bei antiken Theoretikern Essen unter anderem als Heilmittel thematisiert wurde, entwickelte sich der Nahrungsdiskurs erst im 19. Jahrhundert zu einem interdisziplinär diskutierten Thema.

Die Herausgeberinnen des vorliegenden Sammelbandes "Theorien des Essens", die Literaturwissenschaftlerinnen Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer, stellen eine verstärkte Beschäftigung mit der Thematik seit knapp 30 Jahren fest, wobei sie gerade das 20. Jahrhundert als entscheidend ausmachen, weil in dieser Zeit die Grundlagen für eine systematische und wissenschaftliche Thematisierung gelegt wurden. Daher stehen die Überlegungen von Georg Simmel zur „Soziologie der Mahlzeit“ (1910), in denen die ersten Ansätze einer soziologischen Nahrungsforschung entwickelt wurden, am Beginn des knapp 460 Seiten starken Buches.

Die ausgewählten Beiträge verschiedenster Disziplinen beleuchten das Thema Essen unter verschiedenen Blickwinkeln, wobei ein erkennbarer Schwerpunkt auf der kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Sichtweise liegt.

Es wird ein Bogen gespannt von Theorien, die Essen unter einem sozialen, kulturellen und ästhetischen Vorzeichen betrachten, über eine religiöse Sichtweise, bis hin zu identifikatorischen und gemeinschaftsstiftenden Aspekten sowie den Grenzen des Genießbaren. Dabei wird "Essen" unterschiedlich verstanden: in einigen Texten steht die Handlung im Vordergrund, während bei anderen auch dem Aspekt der Nahrungszubereitung und -auswahl besondere Beachtung geschenkt wird.

Der Band ist in der Hinsicht einzigartig, dass er erstmals verschiedenste theoretische Ansätze von allgemein anerkannten wissenschaftlichen Größen wie Walter Benjamin, Norbert Elias, Roland Barthes und Claude Levi-Strauss, bis hin zu Sigmund Freud und Mary Douglas auf konzentriertem Raum bündelt und somit einen raschen sowie systematischen Überblick über die diversen Zugänge bietet. Dabei sind die versammelten Textsorten sehr unterschiedlich: es finden sich sowohl Essays, als auch kurze Aufsätze sowie Ausschnitte aus Büchern. Die Textnachweise finden sich für Interessierte im Anhang.

Als besonders hilfreich erweist sich die sehr ausführliche Einführung von Anne-Rose Meyer, in der auf die einzelnen Beiträge bereits Bezug genommen und argumentiert wird, warum die jeweiligen Textstücke ausgewählt wurden. Gleichzeitig werden die relevantesten Thesen dadurch bereits vorgestellt und der/die LeserIn erhält schon bei der Lektüre der mehr als 50 Seiten umfassenden Einleitung einen guten Überblick. Auch für Neulinge auf diesem Gebiet bietet der Sammelband folglich die Möglichkeit, Einblicke in ein neues Themengebiet und einen anderen Blick auf das Essen zu bekommen. Als hilfreich erweist sich hierbei die Gliederung des Bandes in verschiedene Ansätze.

Für Forscherinnen und Forscher verschiedenster Disziplinen finden sich im vorliegenden Sammelband Grundlagentexte der Essentheorie. Die Zielgruppe des Bandes ist sicherlich heterogen: Zum einen eignet es sich für NeueinsteigerInnen auf diesem Gebiet und kann ihnen ein Wegweiser durch den Dschungel an Zugängen und Ansätzen sein, auf der anderen Seite kommt das zu tragen, was die Herausgeberinnen selbst als Ziel angeben; sie wollen mit der Sammlung eine Grundlage für interdisziplinäre Dialoge schaffen und Anschlussmöglichkeiten aufzeigen, da es an Wissenstransfer bisher fehlt. Es bleibt nur zu hoffen, dass ihnen dies gelingt - das Rüstzeug geben die WissenschaftlerInnen mit ihren "Theorien des Essens" damit jedenfalls in die Hände.

Tags

theroie des essens, anne-rose meyer, grundlagentexte, sammelband, rezension