Praxis

3/2010 - Cultural Diversity

„literadio“ - Literatur zum Nachhören

AutorIn: Christian Berger

„literadio“ macht seit nunmehr 10 Jahren Literatur im Radio und im Internet hörbar. Das nicht-kommerzielle Hörarchiv ist eine Fundgrube für literarisch interessierte Menschen und bietet Material für den Unterricht.

Die Frankfurter Buchmesse (6.-10.10.2010) präsentiert jährlich Tausende neuer europäischer AutorInnen und Buchtitel. Die Frankfurter Buchmesse ist Umschlagplatz für das literarische Schaffen. Das Projekt „literadio“ wird – heuer nunmehr bereits zum 10. Mal - im Rahmen dieser Buchmesse die Akteure der Literatur zwischen den Buchdeckeln herausholen und in die Öffentlichkeit bringen. Welches Medium wäre geeigneter dazu als das Radio, das von seinen HörerInnen zuerst Aufmerksamkeit erfordert, um sich mitteilen zu können. Die Aufmerksamkeit, die auch die Literatur fordert, um verstanden zu werden, und die durch Bilder und schnelle Schnitte nur wieder zerstreut wird. Zugleich beinhaltet Sprache und Literatur jene radiophonen Elemente, die in Laut, Melodie und Takt akustisch am besten ihre Ausdrucksform finden. Gerade dort, wo die Verschriftlichung an die Grenzen stößt (Ankündigungsjingle "literadio" zum Anhören).

 

 

Seit 2000 präsentiert „literadio“ Lesungen, Gespräche mit AutorInnen, ÜbersetzerInnen, VerlegerInnen und ExpertInnen aus dem Literaturbereich im Messetrubel. Dem literarischen Schaffen und auch den kulturellen Umfeldern, in denen Literatur stattfindet, wird eine über die Grenzen der Ausstellungshallen hinausgehende Bühne gegeben. Eine Bühne, die vom Studio auf der Buchmesse – mittels Übertragungen auf den beim Kooperationspartner „Verband der Freien Radios Österreichs (VFRÖ)“ organisierten lokalen und regionalen Rundfunkstationen bis in die Bundesländer in Österreich reicht und darüber hinaus via Internet den weltweiten Zugriff ermöglicht.

Aber die Sendungen werden nicht nur „live“ übertragen sondern zeitgleich auch online archiviert. Im Webarchiv sind Beiträge seit 2005 online abrufbar und unter Creative Commons Licence frei nutzbar. Neben den Aufzeichnungen von der Frankfurter Buchmesse finden sich auch jene von der Leipziger Buchmesse sowie Beiträge von Kooperationspartnern aus Deutschland, Slowenien, Slowakei und Italien. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Beitrages sind ca. 1300 Audio-Beiträge in unterschiedlichen Sprachen abrufbar. Das Archivsystem bietet neben einer Volltextsuche auch eine sehr differenzierte ExpertInnensuche.

Was ist zu finden? Schwerpunkt von „literadio“ ist die aktuelle Gegenwartsliteratur abseits des Mainstreams sowie der Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Das Archiv ist kein „best of“ und erhebt auch gar nicht den Anspruch einer umfassenden Literaturchronik, sondern bietet punktuelle Einblicke, aufgelesen beim Streunen durch die Literaturlandschaft. So finden sich auch Lesungen von und Gespräche mit bekannten Autorinnen wie Norbert Gstrein, Robert Menasse, Eva Rossmann, Franz Schuh oder Friederike Mayröcker. Vor allem aber sind junge AutorInnen zu Gast bei „literadio“. Manche davon haben sich in den letzten Jahren bereits einen Namen gemacht, wie etwa Mieze Medusa, Markus Köhle oder Cornelia Travnicek. Neben den Lesungen, die auch die Möglichkeit bieten, die Stimmen der AutorInnen im Original zu hören, gibt es eine Reihe von Gesprächen mit VerlagsleiterInnen. Diese gewähren – neben der Vorstellung von Verlagsprogrammen – einen Einblick in die aktuellen Produktions- und Vertriebsmechanismen sowie Problemstellungen des Literaturmarktes – auch der Literaturförderung. Die Auswahl ist bunt gemischt. Klaus Wagenbach philosophiert gemeinsam mit Lojze Wieser, das folio Verlegerduo Hermann Gummerer und Ludwig Paulmichl erzählen launig wie aus einem kleinen Verlag ein mittelgroßer wird und Kleinstverleger Toni Kurz (edition thurnhof) plaudert über bibliophile Druckarbeit im Keller seines Hauses. Sehr interessant sind auch die Gespräche mit ÜbersetzerInnen – letztlich entscheidet deren Arbeit wesentlich darüber, ob ein Buchtitel in einem anderen Sprachraum erfolgreich sein kann.

„literadio“ bietet aber auch SchülerInnen aller Altersstufen die Möglichkeit, Literatur im Rahmen von Projekten hörbar zu machen. Gemeinschaftliche Lesungen und inszenierte Leseperformances bot das Projekt „book.stage“ (2005 bis 2007), das speziell für „literadio“ konzipiert wurde. SchülerInnen aus der Slowakischen und Tschechischen Republik sowie aus Ungarn, Slowenien und Österreich wählten Texte bestimmter AutorInnen (teils in der Landessprache, teils in Deutsch) und gestalteten Performances dazu, die aufgenommen und ins Webarchiv gesetzt wurden. Die Veranstaltungen – am besten als „literarische Straßenkunst“ zu titulieren – fanden u.a. in Fußgängerzonen (Maribor, Wien, Wiener Neustadt), in Parks (Budapest), auf Plätzen (Prag), auf Bahnhöfen (Bratislava), in Kellergewölben (Znojmo) oder in Museen (Wien) statt. Das Projekt fand großen Anklang bei allen TeilnehmerInnen, weil alle Aufnahmen am Webarchiv von „literadio“ abrufbar sind und in den Unterricht miteinbezogen werden konnten. Außerdem vermittelte „book.stage“ auch die spezifische Akustik des jeweiligen Open-Air-Aufnahmeplatzes, brachte also neben den literarischen Texte zusätzlich die „O-Töne“ der Umgebung ins Netz, aber gleichzeitig Literatur „unter die Leute auf der Straße“.

Die praktische Umsetzung von Schulprojekten, im Rahmen derer SchülerInnen mit ihren Lehrkräften Audiopodcasts für das „literadio“-Webarchiv gestalten, erfordert in den meisten Fällen Start-Up-Workshops mit ExpertInnen, die in den Schulen selbst stattfinden. Dabei geht es vor allem um die technischen Voraussetzungen zur Erstellung von Podcasts. Ist die digitale Stimmaufnahme einmal erklärt und mit Geräten erprobt, kommt der PC ins Spiel, damit das resultierende Audiofile für den Upload vorbereitet wird. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Ausstattung der Schulen (bezüglich Tongeräten, Hard- und Software) nicht immer einheitlich ist, und so führen mitunter unterschiedlichste Wege ans Ziel. An manchen Schulen wird noch auf Tonkassettenbasis aufgenommen, andere verwenden bereits digitale Aufnahmegeräte, und wieder andere verwenden den PC als solchen als Aufnahmerekorder. Wie auch immer, irgendwann beginnt schließlich der Prozess der Uploads der Tonfiles (d.h. der aufgenommenen Lesung, der Leseperformance u.s.w.) aufs „literadio“-Webarchiv.

Nun kommt ein äußerst interessanter Vorgang ins Rollen, der auch das Thema Internet generell betrifft. Denn es genügt nicht, die Aufnahmen einfach hochzuladen und dann „Tschüss“ zu sagen. Für das Webarchiv ist es nötig, die hochgeladenen Tonaufnahmen zu beschreiben, sogenannte „Metadaten“ in vorgesehene Raster einzugeben und Einteilungen vorzunehmen. Die SchülerInnen (und manchmal auch Lehrkräfte) sind nicht immer glücklich mit dieser vermeintlichen „Mehrarbeit“. Darin geht es einerseits um Betitelung, Strukturierung, Kurzbeschreibung, Stichworteingabe und Aufnahmedaten, andererseits um UrheberInnen und Zugangsrechte. Das „erste Mal“ dieser Metadaten-Eingabe wird oft als mühseliges Unterfangen empfunden. Erst bei den wiederholten Eingaben zu nachfolgenden Uploads entwickeln die SchülerInnen ein Verständnis und kreieren nicht selten ihre eigene Struktur.

Generell bietet „literadio“ für SchülerInnen die Möglichkeit, eine Nutzung des Internets von innen her kennenzulernen, „hinter“ strukturelle Online-Archive zu schauen und ihre Audioproduktionen in einen größeren und strukturierten Zusammenhang zu stellen, wo ihre Aufnahmen aber auch mittels diverser Funktionen auch rasch wiedergefunden werden können. Manchmal wird „literadio“ im Schulbereich als „AUDIOSOZIALES NETZWERK“ begriffen, da viele Aufnahmen Gemeinschaftsproduktionen mehrerer SchülerInnen/Klassen/Schulen sind. Dazu zählen auch Podcasts von zahlreichen selbstgeschriebenen Texten der SchülerInnen (siehe Unterarchiv „gecko-art“ oder die im Aufbau befindlichen „SchülerInnen-Hörbücher“).

„literadio“ ermöglicht eine überlegte und zielorientierte Nutzung des Internets. Und für den pädagogischen Bereich öffnen sich dadurch viele Tore der Auseinandersetzung (inhaltliche und technische Aspekte der Stimmaufnahme, PC-Nutzung für Audioschnitt, Upload-Prozess, Beschreibung und Reflexion der eigenen Uploads). All dies ist ein willkommenes Gegengewicht zu Selbst- und Schnellpräsentationen im Internet und damit ein kritisch-verantwortungsvoller Umgang mit diesem Medium, wenn es um Literatur geht.

Eine kleine Methodensammlung findet sich auch auf der „literadio“-Webseite. Hier finden LehrerInnen Anregung zur Arbeit mit Literatur unter Nutzung von Audiomedien und „literadio“.

Einige Links zu Hörbeispielen von Projekten mit Kindern und Jugendlichen:

Das Projekt wird von „aufdraht“– einem kleinen Kulturverein – organisiert und wird in Kooperation mit der IG Autorinnen und Autoren, Kulturinitativen wie z.B. Gecko Art, Verlagen (z.B. folio) und dem Verband Freier Radios Österreich umgesetzt. Die Finanzierung erfolgt aus Mitteln der Kulturförderung des bmukk, der Stadt Wien, der Länder Niederösterreich und Oberösterreich sowie aus privaten Spenden und ehrenamtlicher Tätigkeit. Alle Beiträge stehen unter Creative Commons Licence und sind daher für nicht-kommerzielle Nutzung speziell auch im Bildungsbereich kostenfrei einsetzbar.

Tags

literatur, archiv, literacy, audioarbeit