Bildung - Politik

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Vom Klassenkampf

Zur Wiederkehr des historischen Materialismus

AutorIn: Alessandro Barberi

Alessandro Barberi analysiert anhand aktueller Debatten zur Rückkehr marxistischer Positionen die Grundlagen des historischen Materialismus und betont, dass Marx nach wie vor Recht hat, wenn er uns die entscheidenen Analyseinstrumente hinterlassen hat, um den sozialen Raum als Klassenkampf zu interpretieren ...

(Dieser Artikel erscheint parallel zu dieser Publikation in den MEDIENIMPULSEN in leicht veränderter Form in fünf Teilen auf www.skug.at)

1.   Marx gespenstert und hat Recht …


Abb. 1: Das Grab von Karl Marx
© Creative Commons: Nilzzon~commonswiki

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte,
aber sie machen sie nicht aus freien Stücken,

unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen,
gegebenen und überlieferten Umständen.

Die Tradition aller toten Geschlechter lastet
wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.

Wenn sie eben damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen,
noch nicht Dagewesenes zu schaffen,
gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich
die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf,
entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm,

um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache
die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.

Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852)

Ein Gespenst geht um in Europa […].
Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1847/1848)

Hamlet: Rest, rest, perturbed spirit! […]
The time is out of joint. […]
Ghost: I am thy father's spirit.

Shakespeare, Hamlet (1602) zit. nach Jacques Derrida, Spectres de Marx (1993)

 

1.1. Irrungen und Wirrungen


Abb. 2: Deckblatt der »ZEIT« vom 23. Januar 2017

Die ZEIT titelte jüngst mit einer rhetorischen Frage, deren Beantwortung wohl auf die nächste Krise warten muss: "Hatte Marx doch Recht?". Schon im Untertitel wurde dabei deutlich, dass Giovanni di Lorenzo Marx vom Marxismus wegredigierte: "Was man von ihm [Marx, A. B.] noch lernen kann – dem Marxismus zum Trotz". Als ob die unzähligen Strömungen des Marxismus – u. a. Sozialdemokrat*innen, Anarchosozialist*innen und Kommunist*innen – seit dem Tod von Marx im Jahr 1883 im Rahmen der Arbeiter*innenbewegung nichts dafür geleistet hätten, Marx Recht zu geben, um diese Frage zu beantworten (Kolakowski 1988). Und so machte sich Stephan Willeke in der ZEIT auf die Suche nach dem Proletariat und fand es bezeichnenderweise nicht (Willeke 26.01.2017), Lisa Nienhaus brachte Marx um die Revolution, da angeblich sein "Traum vom Umsturz der Verhältnisse in der Wirklichkeit katastrophal endete" (Nienhaus 26.01.2017) und Gero von Radow lieferte eine ethnologisch interessante Quelle über die fragwürdige Distanz zu seiner lobenswerten marxistischen und kommunistischen Jugend in den 1970er Jahren und damit im Anschluss an das Revolutionär-Werden des Mai 68 (Radow 26.01.2017). Sinn machte schlussendlich nur die Affirmation der Marxschen Krisentheorie (Sinn 26.01.2017) und der Bericht über Elke Kahr und die Grazer KPÖ (Gasser 26.01.2017). In dieser Linie steht auch die vom Titel weg typische jüngste Publikation der taz-Wirtschaftskorrespondentin (Herrmann 2016). Im Übrigen gibt es Sachcomics zum Marxismus, die intelligenter sind als diese nicht wahrlich aktuelle und oberflächliche Debatte (Woodfin et al. 2014).

Aber immerhin gespenstert Marx als scheinbarer "Geist der Vergangenheit" in der ZEIT-Redaktion, obgleich sie sich wohl – im Gegensatz zum Suhrkamp-Verlag, der es wenigstens nach vierzig Jahren schaffte – klassenspezifisch nicht herablassen konnte, die Hamburger Redaktion von konkret zu Wort kommen zu lassen, die mit Hermann L. Gremliza und jeder Ausgabe serienweise Antworten auf die nun – bald dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer (Wippermann 2009) – gespensternde Frage gegeben hat (Ditfurth 2007; Gremliza 2016). Dabei haben etwa Dietmar Dath (Kommunist) und Barbara Kirchner (Sozialdemokratin) Einiges an Vorarbeit geleistet, um den Klassenkampf mit sozialistischen Zielen fortzusetzen (Dath 2008, 2014; Dath/Kirchner 2012). Summa Summarum: Wer stellt hier rhetorische Fragen, wenn die Antwort vollkommen klar, aber aus weltgeschichtlichen Gründen (Hobsbawm 1999) hochgradig verdrängt und ins individuelle und kollektive Unbewusste verschoben ist? Marx hatte trotz aller neofaschistischen und neokonservativen Verwerfungen und Totschläge (Liessmann 1993) im Grunde – und mit den Grundrissen (Marx 1974) – eben Recht. Auch deshalb erschien jüngst in Berlin eine herausragende Neuübersetzung von Das Kapital lesen (orig. 1965) des Autorenkollektivs um Louis Althusser (2015), dessen Für Marx schon davor brillant neu übersetzt worden war (Althusser 2011). Auch Thomas Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert lässt zumindest vom Titel her Marx gespenstern (Piketty 2016). Auf all diese Zusammenhänge kam am 17. Februar 2017 auch 3sat mit einem Beitrag in scobel unter dem Titel Kapital kauft sich politische Macht zu sprechen (Hauer/Kirschey 2017).

1.2. Die Schwärze des Kapitalismus


Abb. 3: Terry Eagleton
© Creative Commons: Fronteiras do Pensamento

Und genau deshalb stellte der irische Marxist Terry Eagleton vor nicht allzu langer Zeit eben keine Fragen, sondern erörterte schlicht Why Marx was right (Eagleton 2011), was nicht bedeutet, dass Marx sich nicht auch geirrt hätte. Vielmehr erläutert Eagleton – wie eine zunehmende Zahl aktueller Literatur (z. B. Schröter et al. 2006) – eingehend, warum gerade unsere postindustriellen westlichen Gesellschaften ob der Brutalität der Klassenkämpfe und Klassenkriege im digitalen und kybernetischen Kapitalismus 4.0 (vgl. Tiqqun 2007) hervorragend in einem marxistischen Interpretationsrahmen als Meta-Erzählung erfasst werden können, wenn diese Erzählung der (Selbst-)Kritik und der empirischen Überprüfung verpflichtet bleibt. So ist etwa Eagletons seismografische Zeitdiagnose unserer Gegenwart voller Ironie und Witz und dennoch in aller Härte mehr als treffend. Nach dem reaktionären Schwarzbuch des Kommunismus (Courtois et al. 1998) stellen eben auch Marxisten (Heuer 1998) ihre Fragen nach der sozialen und ökonomischen Schwärze des Kapitalismus:

"Aber wie steht es mit dem Kapitalismus? Zur Zeit dieser Niederschrift gehen die Arbeitslosenzahlen weit in die Millionen und steigen unaufhaltsam weiter, während die Implosion der kapitalistischen Volkswirtschaft nur verhindert werden konnte, indem man den ohnehin schon gebeutelten Bürgern Milliarden Dollar aus der Tasche zog. Die Banker und Börsianer die das Finanzsystem der Welt an den Rand des Abgrunds brachten, begeben sich sicherlich scharenweise unter die Messer der plastischen Chirurgen, damit ihre wutschnaubenden Opfer sie nicht erkennen und ihnen die Glieder einzeln ausreißen können." (Eagleton 2012: 28–29)

Der brutale Klassenantagonismus zwischen den Boni und Bonitäten (etwa Triple A) von aristokratischen Finanzmarktbankern in ihrer destruktiven und höllischen Akkumulationsgeilheit und der kollektiven Verschuldung der globalen lohnabhängigen Bevölkerung, die deren Verbrechen über Bail-outs ausbaden muss, ist damit punktgenau beschrieben. Es kommt hier buchstäblich zu einer Schuldumkehr (Graeber 2012a, 2012b) und einer perversen Verkehrung der Rolle von Tätern und Opfern. Denn verschuldet sind de facto nicht jene, die keine Schuld an der Krise haben, sondern jene, die – nach einem Wort Walter Benjamins – die kapitalistische Produktionsweise "bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes" getrieben haben (Baecker 2009: 16) und damit schon in dieser Welt – ganz immanent und atheistisch betrachtet – in der Hölle gelandet sind. So bleibt es eine Tatsache, dass Totgesagte länger leben und aufs erste als Gespenster wiederkehren und z. B. auf dem Deckblatt der ZEIT – sozial- und medienphänomenologisch – erscheinen (Derrida 2004b). In diesem Sinne lässt auch Eagleton Marx gespenstern und widersetzt sich u. a. der mehr als oberflächlichen Behauptung, der Historische Materialismus sei ein reiner Determinismus, indem er – ganz so wie Pierre Bourdieu (1976) – daran erinnert, dass Marx mit dem achtzehnten Brumaire betonte, dass die Menschen ihre Geschichte – unter vorgegebenen materiellen (Produktions-)Bedingungen – immer selber machen und dabei durch ihre Entscheidungen selbstbestimmt und aktiv handelnd in ihre Gesellschaft, Kultur und Umwelt eingreifen, um sie nicht nur zu interpretieren, sondern praktisch zu verändern (Eagleton 2012: 45–82).

1.3.  Reaganismus und Thatcherismus


Abb. 4: Reagan und Thatcher
© Creative Commons: Aavindraa

Auch die unrichtige Annahme, der Marxismus würde immer in einen diktatorischen Autokratismus münden und hätte nichts zur Demokratisierung oder zur Emanzipation der Menschheit und damit auch der Frauen beigetragen, sowie die Unterstellung, Menschen wären "von Natur aus" egoistisch, habgierig, aggressiv und kompetitiv, werden von Eagleton nachdrücklich distanziert (ebd.: 83–129). In der Sozialgeschichte (und auch Biologen haben das für die Tierwelt gezeigt) finden sich daher auch genügend Beispiele dafür, dass Menschen kooperativ und kommunitär jenseits der Konkurrenz handeln können (Warneken 2016). Historisch geht Eagleton deshalb in jüngerer Zeit zu Recht auf den Reaganismus und Thatcherismus zurück, um zu zeigen, dass der in den 1980er Jahren beginnende Wandel unserer Gesellschaften vom Paradigma der Produktion zu jenem der Dienstleistung und der deregulierten Finanzmärkte die Welt keineswegs verbessert hat, sondern mit einer brutalen klassenspezifischen und kriegsstrategischen (gemeint ist etwa die Wall-Street-Banker-Wertschätzung von Tsu 2012) Ausschaltung der Arbeiter*innenbewegung, ihrer Organisationen und ihrer theoretischen Tradition identisch war:

"So waren die Voraussetzungen für Reagan und Thatcher geschaffen, die mithalfen, die traditionelle Produktionsweise zu demontieren, die Arbeiterbewegung zu knebeln, dem Markt die Zügel freizugeben, den repressiven Arm des Staates zu stärken und eine neue Gesellschaftsphilosophie zu verkünden, die man am ehesten als »nackte Gier« bezeichnen kann. Die Verlagerung der Investitionen aus dem Produktions- in den Dienstleistungs-, Finanz- und Kommunikationssektor war lediglich die Reaktion auf eine langwierige Wirtschaftskrise, kein Sprung aus einer hässlichen alten in eine schöne neue Welt" (Eagleton 2012: 17–18)

Dabei wurde auch der soziale Zusammenhalt bzw. die Kooperation dem absoluten Diktat der kapitalistischen Konkurrenz unterstellt wie 2013 auch in Marc Bauders Dokumentarfilm Master of the Universe mit dem und über den ehemaligen Investmentbanker Rainer Voss deutlich wurde (Bauder 2013). Ein Umstand, dem sich auch Richard Sennet vor einigen Jahren mit einem Plädoyer für die kooperative Zusammenarbeit entgegensetzte (Sennett 2012). Ausgehend von dieser historischen Konstellation der Gegenwart ist es vonnöten, die Wiederkehr des Historischen Materialismus und mithin auch des Klassenkampfs als Klassenkrieg in den Beständen der aktuellen Debatten zu diskutieren.

1.4. Conclusio: Linke Archive retten


Abb. 5: Anselm Kiefer – Von den Verlorenen gerührt, die der Glaube nicht trug
© Creative Commons: Wmpearl

Dabei sollen im Folgenden einige Grundbegriffe der marxistischen Tradition rekapituliert und aktualisiert werden. So wird eingehend vom Klassenbegriff und dem Klassifikationsproblem (II), dem Proletariat – d. i. auch das Kognitariat bzw. Prekariat – (III) die Rede sein, um zu zeigen, dass mit dem Neuen Klassenkampf (Žižek 2015) eine Wiederkehr des Verdrängten (Losurdo 2016) zu konstatieren ist (IV), welche den Aufbau einer Neuen Internationale nötig macht (Derrida 2004b). Wenn etwa mit Bernie Sanders in den USA oder mit Jeremy Corbyn in Großbritannien ein "Demokratischer Sozialismus" die politische Bühne betrat, der gegen alle Widerstände damit begann, den äußerst fatalen und verräterischen "Dritten Weg" von Bill Clinton und Tony Blair zu kritisieren, wird auch die Frage gestellt werden müssen, was am Beginn des 21. Jahrhunderts ein "Sozialdemokratismus", ein "Demokratischer Sozialismus" und vor allem auch ein – über Žižek und Badiou – revolutionärer "Kommuni(tari)smus" – im Sinne von Creative Commons, Gemeinwohl, Community-Medien oder Kommunalpolitik in kommunitärer (d. i. öffentlicher) Hand – sein könnte (V).

2.  Von Klassen und Klassifikationen


Abb. 6: Marx-Portrait
© Creative Commons: User unknown

Die Eigentümer von bloßer Arbeitskraft,
die Eigentümer von Kapital
und die Grundeigentümer, […]
bilden die drei großen Klassen der modernen,
auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden Gesellschaft.
In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft, in ihrer

ökonomischen Gliederung, am weitesten, klassischsten entwickelt.
Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor.

Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band (1894)

2.1. Klasse(n) als Gedankenkonkretum: Begriff und Begreifen


Abb. 7: Affenhand
© Creative Commons: Rod Waddington

Eine grundlegende Reaktion auf Marx und den Marxismus bestand diskurs- und wissensgeschichtlich immer wieder darin, die verallgemeinerte Existenz der auf Lohnarbeiter und Kapitalisten hin zugespitzten Polarität der "Klassen" (vor allem: Aristokratie, Bürgertum, Kleinbürgertum, Arbeiter- und Bauernschaft) auf den rein konstruktiven Akt der Klassifikation zurückzuführen und damit die historische und gegenwärtige Existenz von Klassenkämpfen zu negieren, indem deren empirische Existenz bestritten wurde. Dabei ist vielmehr unbestreitbar, dass Marx nicht zuletzt aus philosophischen Gründen als Kind des Hegelianismus und Kantianismus (Negt 2003) sehr genau wusste, dass das wissenschaftliche Objekt der "Klasse" nicht nur, aber auch über eine kategoriale Bestimmung als "Gedankenkonkretum" und mithin durch einen "Akt" der Klassifikation hergestellt, also – aktualisierend formuliert – konstruiert wird, wenn die ökonomische Analyse darin besteht, nicht nur "vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen", sondern von eben diesem "gegebnen, konkreten, lebendigen Ganzen" einer vorhandenen Gesellschaftsformation auszugehen, wie Marx in den Grundrissen formuliert (Marx 1974: 22). Die gedankliche Aktivität der Kategorien – und seien es wie in diesem Zusammenhang ökonomische wie der "Besitz" oder das "Eigentum" – wird von Marx über die "Begriffe" praxeologisch auf das "Begreifen" bezogen, wodurch er aber – so wie in den Feuerbach-Thesen – auch betonte, dass die kategoriale Verarbeitung des Konkreten ihren Anteil an der "ökonomischen Klassifikation" behält:

"Für das Bewußtsein […], erscheint daher die Bewegung der Kategorien als der wirkliche Produktionsakt [sic! A. B.] – der leider nur einen Anstoß von außen erhält –, dessen Resultat die Welt ist; und […] – dies ist […] soweit richtig, als die konkrete Totalität als Gedankentotalität, als ein Gedankenkonkretum [sic! A. B.], in fact ein Produkt [sic! A. B.] des Denkens, des Begreifens [sic! A. B.] ist; keineswegs aber des außer oder über der Anschauung und Vorstellung denkenden und sich selbst gebärenden Begriffs, sondern der Verarbeitung [sic! A. B.] von Anschauung und Vorstellung in Begriffe. Das Ganze, wie es im Kopfe als Gedankenganzes erscheint, ist ein Produkt [sic! A. B.] des denkenden Kopfes, der sich die Welt in der ihm einzig möglichen Weise aneignet, einer Weise, die verschieden ist von der künstlerischen, religiösen, praktisch-geistigen Aneignung [sic! A. B.] dieser Welt." (ebd.)

So ist es zwischen "Gedankenkonkretum" und "Praxis des Begreifens" nach wie vor bemerkenswert, dass der von Engels redigierte dritte Band von Marxens Kapital am Ende genau dort abbricht, wo Marx "Die Klassen" näher diskutieren will und vor allem zwischen Lohnarbeitern, Kapitalisten und Grundeigentümern unterscheidet, um dabei noch weiter zu differenzieren. Marx formuliert in diesem Zusammenhang:

"Indes würden von diesem Standpunkt aus z.B. Ärzte und Beamte auch zwei Klassen [sic! A. B.] bilden, denn sie gehören zwei unterschiednen gesellschaftlichen Gruppen an, bei denen die Revenuen der Mitglieder von jeder der beiden aus derselben Quelle fließen. Dasselbe gälte für die unendliche Zersplitterung [sic! A. B.] der Interessen und Stellungen, worin die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit die Arbeiter wie die Kapitalisten und Grundeigentümer – letztre z.B. in Weinbergsbesitzer, Äckerbesitzer, Waldbesitzer, Bergwerksbesitzer, Fischereibesitzer – spaltet [sic! A. B.].{Hier bricht das MS. ab.}" (Marx 1975: 893)

Diese Stelle macht mithin deutlich, dass es Marx als Kind des deutschen Idealismus, den er im Sinne einer "Anatomie der Gesellschaft" buchstäblich vom idealistischen "Kopf" auf die materialistischen "Füße" stellte, klar vor Augen stand, dass Klassen klassifikatorisch auf eine logische Allgemeinheit bezogen sind, die zum Besonderen hin ausdifferenziert werden muss, um die klassenspezifischen "Zersplitterungen" und "Spaltungen" eines gegebenen Gesellschaftskörpers angemessen analysieren zu können. Da sein Gesamtwerk aber einen Torso darstellt, brach das Manuskript eben genau an jener Stelle ab, die in der Geschichte der Sozialwissenschaft(en) von großer Bedeutung werden sollte und auch heute noch von eminenter Wichtigkeit ist. Denn in der Ablehnung der konkreten Allgemeinheit der klassenspezifischen Polarität zwischen Bourgeoisie und Proletariat treffen sich jene, die nicht im Sinne des Historischen Materialismus davon ausgehen wollen, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, welche immer wieder klare Interessenspolaritäten der Macht und der Herrschaft im sozialen (und medialen) Raum markieren. So etwa nach wie vor zwischen Wirtschaftskammern und Gewerkschaften.

2.2. Kampf und (relationale) Klassenlage


Abb. 8: Das Turnier in Worms
© Creative Commons: Zentralbibliothek Solothurn

Deshalb ist es auch heute entscheidend ob man die weitere Entwicklung der Sozialwissenschaften als ein Nachjustieren der Marxschen Grundbegriffe begreift oder ihre Geschichte als die ihrer Negation erfasst. So sei hier in aller Kürze daran erinnert, dass Max Webers Wirtschaft und Gesellschaft (Weber 1990) ohne die soziologischen Grundbegriffe des "Kampfes" (ebd.: 20–21) und der "Klassen" (ebd.: 177–180) schlicht nicht denkbar ist, da sie beide grundlegend in Webers Kategorienlehre eingelassen sind. Im vollen Bewusstsein der Marxschen Voraussetzungen definiert Weber den Kampf wie folgt:

"§ 8 Kampf soll eine soziale Beziehung insoweit heißen, als das Handeln an der Absicht der Durchsetzung des eignen Willens gegen Widerstand des oder der Partner orientiert ist." (ebd.: 20)

Mithin begreift Weber den sozialen Raum u. a. vom Vernichtungskampf über den Ritterkampf bis hin zum Kampfspiel (Sport) und dem Konkurrenz- bzw. Existenzkampf (ebd.) als ein Feld aus Willens- und Widerstandskräften, in dem "Kampfmittel, Kampfobjekte und Kampfrichtung" (ebd.: 21) eine eminente Rolle bei der Konstitution von – u. a. charismatischer – Herrschaft spielen. Die Linien des Kampfes sind in der Folge auch als klassenspezifische gefasst, wenn Weber – durchaus in der Tradition Immanuel Kants – drei Klassenbegriffe kategorial ins Spiel bringt:

"Auf dem Boden aller drei Klassenkategorien [Besitzklasse, Erwerbsklasse und Soziale Klasse, A. B.] können Vergesellschaftungen der Klasseninteressenten (Klassenverbände) entstehen. Aber dies muß nicht der Fall sein: Klassenlage und Klasse bezeichnet [sic!] an sich nur Tatbestände gleicher (oder ähnlicher) typischer Interessenlagen, in denen der Einzelne sich ebenso wie zahlreiche andere befindet." (ebd.: 177)

So sind Besitzklassen im Kapitalismus – und dies ist durchaus marxistisch interpretierbar – für Weber vor allem durch "Monopolisierung" (ebd.) gekennzeichnet. Darauf hatte Rudolf Hilferding schon 1910 in seiner Analyse des Finanzkapitals hingewiesen (Hilferding 2000), worauf Wladimir Iljitsch Lenin 1916 mit Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus direkt antwortete (Lenin 1987). So lässt sich auch mit der bei Weber vorgestellten Ausdifferenzierung der drei Klassenkategorien Marx in diesem Sinne hervorragend nachjustieren, ohne seine Grundrisse einzureißen. Ein Umstand, der auch für Pierre Bourdieu von geraumer Bedeutung war, der 1984 – auch als Schüler der Historischen Epistemologie von Gaston Bachelard und Georges Canguilhem (Rheinberger 2013) – in Sozialer Raum und »Klassen« (Bourdieu 1991) genau dieses Verhältnis von Klassen und (ihrer) Klassifikation erörterte:

"Ausgehend von den Stellungen im Raum, lassen sich Klassen im Sinne der Logik herauspräparieren, das heißt Ensembles von Akteuren mit ähnlichen Stellungen, und die, da ähnlichen Konditionen und ähnlichen Konditionierungen unterworfen, aller Voraussicht nach ähnliche Dispositionen und Interessen aufweisen, folglich auch ähnliche Praktiken und politisch-ideologische Positionen. Diese Klasse auf dem Papier ist von theoretischer Natur, existiert als Theorie: Produkt einer explikativen Klassifikation ganz analog zu der der Zoologen oder Botaniker [sic!. A. B.], ermöglicht sie die Erklärung und Prognose der Praktiken und Eigenschaften der klassifizierten Dinge – und unter anderem auch der auf Gruppenzusammenschluß basierenden Verhaltensweisen. Sie bildet keine reale, effektive Klasse im Sinne einer kampfbereiten Gruppe; sie ist, strenggenommen, lediglich eine wahrscheinliche Klasse, das heißt eine Gesamtheit von Akteuren, deren Mobilisierung im Verhältnis zu jeder anderen nur weniger objektive Schwierigkeiten bereitet." (ebd.: 12)

Es ist anzunehmen, dass Bourdieu bei diesen Sätzen auch Michel Foucaults Les Mots et les Choses/Die Ordnung der Dinge (1966) vor Augen stand, ein Buch, das die Geschichte der ökonomischen, biologischen, philologischen und philosophischen "Klassifikationsordnungen" Europas seit dem 16. Jahrhundert untersucht hatte (Foucault 1974). Interessant sind dabei auch aktuelle Kritiken an Bourdieu, die in seiner Fluchtlinie weiter arbeiten, aber aus marxistischer Sicht betonen, dass (symbolisches) Kapital nur akkumuliert werden kann, wenn einzelne andere für sich arbeiten lassen (Streckeisen 2014). Die (neoliberale) Schnittmenge der Theorie des "symbolischen Kapitals" mit der Rede vom Humankapital war Bourdieu gemeinsam mit Jean-Claude Passeron vor seinem Tod noch selbst aufgefallen. Es ist indes immer noch möglich, in aller Kürze hinsichtlich des Klassenkampfs einen Bogen von Marx über Weber zu Bourdieu und Foucault zu schlagen, wie jüngst mit einem (vollkommen zu Recht) vielbeachteten Buch erneut vor Augen stand …

2.3. "Unter" dem Geschlecht die Klasse: Rückkehr nach Reims


Abb. 9: Kathedrale in Reims
© Creative Commons: bodoklecksel

Denn Didier Eribon, der sowohl mit Bourdieu als auch Foucault zusammengearbeitet und u. a. einschlägig zur Konservativen Revolution publiziert hatte (Eribon 2007), legte 2009 in Frankreich mit Retour à Reims/Rückkehr nach Reims (Eribon 2016d) eine hochgradig reflexive Analyse der Klassenspezifika seines eigenen Bildungswegs vor, nachdem er selbst sich auf seinem mühsamen Aufstiegsweg intellektuell vor allem um die kulturellen Fragen der Sexualität gekümmert hatte (ebd.: 22). Es ist bemerkenswert, wie Eribon – heute nach einem schwierigen Weg voller Ablenkungen Professor für Soziologie in Amiens [sic! A. B.] – in der Auseinandersetzung mit seiner Familie selbst hinsichtlich seiner eigenen Homosexualität vermerkt, dass – gleichsam unterhalb von ihr und vor allem angesichts des hochgradig selektiven Konkurrenzkampfes im Bildungssystem – nach wie vor die permanente Brutalität des Klassenkampfes als Krieg tobt, der sich – direkt im Anschluss an Bourdieu – vor allem im Bildungssystem aufzeigen lässt. Insofern ist es bezeichnend, dass Eribon – wackelnd aber doch – "unterhalb" der kulturellen Phänomene seiner eigenen Homosexualität, seines "Geschlechts" betont, er könne

"[…] nicht anders, als im Schulsystem, wie es vor unser aller Augen funktioniert, eine Höllenmaschine [sic! A. B.] zu sehen, die, wenn auch vielleicht nicht ausdrücklich mit diesem Ziel programmiert [sic! A. B.], faktisch dafür sorgt, dass Kinder aus armen Schichten abgewertet werden [sic! A. B.], dass ungleiche Berufschancen und beschränkte soziale Zugangsmöglichkeiten fortbestehen, dass eine bestimmte Form der Klassenherrschaft [sic! A. B.] intakt bleibt und weiterhin als legitim gilt. Ein Krieg [sic! A. B.] ist im Gange gegen die Beherrschten, und die Schule ist einer ihrer Schauplätze. Die Lehrer tun gewiss ihr Bestes. Aber der Macht der sozialen Ordnung, die ihre Wirkung auf verborgene und zugleich offensichtliche Weise entfaltet und die sich gegen alles und jeden durchzusetzen vermag, haben sie nichts, oder nur sehr wenig, entgegenzusetzen." (ebd.: 113)

Dabei ist offensichtlich, dass Eribon als Franzose das Foucaultsche Kriegs- und Kampfparadigma – auch ob seiner persönlichen Nähe zu Foucault und der Tatsache, dass er einer seiner Biografen ist (Eribon 2016c) – besser verstanden hat als das Gros der Rezeption dans le monde germanophone (Foucault 1986). Dieses "handlungstheoretische(n) Paradigma des »Kampfes«" (Honneth 1989: 8) ist auch bei Foucault primär mit dem Klassenkampf (Foucault 1995: 153) – und wohl nicht mit dem nationalsozialistischen Rassenkampf – verbunden (ebd.). In diesem Sinne lässt sich mit Eribon auch die Tragödie der heutigen Arbeiterklasse als Ablenkung von den eigensten Interessen – im Sinne der Marxschen "Klasse für sich" und der Weberschen "Klassenlage" – erklären, die paradoxerweise nur mehr auf sich aufmerksam machen konnte, indem sie für den Front National, die AfD oder den Brexit optierte, weil die Linke es en gros verabsäumt hatte den Proletarier*innen politische Repräsentation und Anerkennung zu verschaffen (Eribon 2016b). Eribon nennt das den Verrat der Linken an der Arbeiterklasse (Eribon 2016a), die nach wie vor im Klassenkampf mit der Bourgeoisie steht. Marxistisch nachgesetzt geht es dabei eben um reaktionären Klassenverrat, an dem sich auch die Sozialdemokratie hochgradig beteiligt hat, indem ihre Oligarchen und Patriarchen einzig und allein ihr Scherflein dazu beigetragen haben, ihre Schäflein ins Trockene zu bringen. Es ist erneut – mit Walter Benjamin gesprochen – die Sozialdemokratie, die den Proletarier*innen die Sehne ihrer besten Kraft durchschnitten hat.

2.4. Conclusio: Rückkehr nach Bad Tatzmannsdorf


Abb. 10: Brunnen/Kurhotel Bad Tatzmannsdorf
© Creative Commons: Adolf Riess

Zusammenfassend lässt sich mithin betonen, dass durch alle Klassifikationsgeschichte(n) hindurch nach dem derzeitigen Stand der Debatte im Grunde kein Zweifel mehr daran bestehen kann, dass es nach wie vor Proletarier*innen als (desorganisierte und desillusionierte) Klasse gibt, gerade weil sie sich oft dem "Lumpenproletariat" annähert, wenn ihr (falsches) Klassenbewusstsein zwischen "Klasse an sich" und "Klasse für sich" so desorientiert ist, dass sie jene Parteien wählen, die vieles tun mögen, aber sicher nicht die Interessen der Proletarier*innen vertreten. Wenn uns aber Marx lehrte, die Klassenordnung unserer Gesellschaften ausdifferenziert unter die Lupe zu nehmen, müssen wir angesichts unserer Wissens- und Informationsgesellschaft den Begriff der Arbeiterklasse auch auf jene ausdehnen, die keine blue collar worker mehr sind, obwohl auch sie noch nicht gänzlich von der Bühne der Weltgeschichte verschwunden sind, wovon der teilweise im Burgenland aufgewachsene Autor sich während seiner "Rückkehr nach Bad Tatzmannsdorf" – im Rahmen einer dreiwöchigen Kur – überzeugen konnte, die er mit seinem Tischgenossen Shani verbrachte, einem staatenlosen albanischen Maurer aus Villach, der den täglichen Beweis erbrachte, dass das Proletariat samt seinen Familien sehr wohl existiert, aber nicht repräsentiert wird, wobei der kluge Maurer sich im Idealfall selbst repräsentieren sollte, ohne auf Repräsentanten angewiesen zu sein. Das aktuelle Proletariat in den westlichen Gesellschaften rekrutiert sich darüber hinaus auch aus dem Kognitariat bzw. Prekariat und wird durch diese sozialempirisch vollkommen gerechtfertigte klassifikatorische Ausweitung ziemlich groß an der Zahl …

3. Von Proletariat, Kognitariat und Prekariat


Abb. 11: Diego Rivera – »Marx«
© Creative Commons: Wolfgang Sauber

It's class warfare, my class is winning, but they shouldn't be.
Warren Buffet, Interview mit CNN (2005)

 

Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst.
Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf,
die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt.

Dieses Bewußtsein, das für kurze Zeit im >Spartacus<
noch einmal zur Geltung gekommen ist,

war der Sozialdemokratie von jeher anstößig.
Im Lauf von drei Jahrzehnten gelang es ihr,
den Namen eines Blanqui fast auszulöschen,

dessen Erzklang das vorige Jahrhundert erschüttert hat.

Sie gefiel sich darin, der Arbeiterklasse die Rolle einer Erlöserin
künftiger Generationen zuzuspielen.

Sie durchschnitt ihr damit die Sehne der besten Kraft.

Die Klasse verlernte in dieser Schule gleich sehr den Haß wie den Opferwillen.
Denn beide nähren sich an dem Bild der geknechteten Vorfahren,
nicht am Ideal der befreiten Enkel.

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte. These XII (1940)

3.1. Nach dem Ende der Geschichte


Abb. 12: Francis Fukuyama
© Creative Commons: Gobierno de Chile

Parallel zur reaktionären Zerschlagung der Arbeiter*innenorganisationen durch Ronald Reagan und Margaret Thatcher – man denke an TINA … There is no alternative (Fisher 2009) – hat auch der Homo Academicus (Bourdieu 1992b) "in fortgeschrittenen Gesellschaften, wo Universitäten zu Organen des Konzernkapitalismus geworden sind" (Eagleton 2012: 160) dafür gesorgt, Marx und den Marxismus auf das Übelste zu delegitimieren und intellektuell zu zerlegen. Dies stand etwa mit dem Rechtshegelianismus eines Francis Fukuyama in Zusammenhang, der die historisch aberwitzige Proklamation vom Ende der Geschichte (Fukuyama 1992) zwar später teilweise zurücknahm, aber zu diesem Zeitpunkt (direkt nach dem Fall der Mauer) eine neokonservative Ideologie (Mannheim 1984) vertrat, nach welcher der bürgerliche Rechtsstaat im Sinne des Neoliberalismus nunmehr das einzige weltgeschichtliche Endstadium darstellen würde, das nur mehr in alle Winkel dieser Welt exportiert werden müsse, woran Silicon Valley auch heute noch arbeitet. Dem setzte sich Jacques Derrida in äußerst luzider Manier entgegen (Derrida 2004b), indem er mit Nachdruck betonte, das absehbar sei, dass die gänzliche Freisetzung des Kapitalismus against all rules zu immensen sozialen und ökonomischen Devastierungen führen würde und deshalb die Gründung einer neuen Internationale vonnöten sei. Derrida formulierte 1993:

"Wenn es einen Diskurs gibt, der heute dazu tendiert, auf der neuen Bühne der Geopolitik die Oberhand zu gewinnen (in der Rhetorik der Politiker, im medialen Konsens, was den sichtbarsten und hörbarsten Teil des intellektuellen und akademischen Raums betrifft), dann ist es jener, der in allen Tonlagen, mit unerschütterlicher Selbstsicherheit nicht nur das Ende der Gesellschaften diagnostiziert, die nach marxistischem Vorbild konstruiert waren, sondern auch das Ende der ganzen marxistischen Tradition und damit der Referenz auf das Marxsche Werk, um nicht zu sagen das Ende der Geschichte überhaupt." (ebd.: 84–85)

Genau darin sah Derrida – so atheistisch wie Marx – das neue "Evangelium über den Tod des Marxismus als Ende der Geschichte" (ebd.), um gerade nach dem Fall der Mauer im Sinne einer "Hantologie" Marx und damit auch den Marxismus, Kommuni(tari)smus weiter gespenstern zu lassen. Whither Marxism (ebd.: 6). Denn – parallel zu Bourdieu – standen ihm die unfassbaren Devastierungen des Kapitalismus klar vor Augen, weshalb er herausschreien musste:

"Noch nie in der Geschichte der Erde und der Menschheit haben Gewalt, Ungleichheit, Ausschluß, Hunger und damit wirtschaftliche Unterdrückung so viele menschliche Wesen betroffen. […] Kein Fortschritt der Welt erlaubt es, zu ignorieren, daß in absoluten Zahlen noch nie, niemals zuvor auf der Erde so viele Männer, Frauen und Kinder unterjocht, ausgehungert oder ausgelöscht wurden." (ebd.: 121)

Nicht von Ungefähr widmete Derrida dieses Buch deshalb einem Kommunisten als Kommunisten, nämlich Chris Hani, der im Gegensatz zu Nelson Mandela auf hohe Ämter im ANC verzichtete, um sich erneut einer kommunistischen Splittergruppe anzuschließen (ebd.: 7). Derrida wusste genau, was er politisch tat und begriff sich schlussendlich als ein Sohn von Marx (Derrida 2004a). Dabei war es für ihn klar, dass dieses mit Chris Hani verbundene Gespenst eine gauchistische und buchstäblich radikale Kritik mit sich bringt:

"Sich weiter von einem gewissen Geist des Marxismus inspirieren zu lassen, das würde heißen, dem treu zu bleiben, was aus dem Marxismus im Prinzip immer zuerst eine radikale Kritik gemacht hat, das heißt ein Vorgehen, das bereit ist, sich selbst zu kritisieren." (Derrida 2004b: 125)

3.2. Mitten im Elend der Welt: Globalisierung ist Kapitalismus


Abb. 13: Slum in Bangladesch
© Creative Commons: SusSanA Secretariat

Hatte mithin Derrida mit seiner Kritik an Fukuyama im globalen Feld der Philosophie dem neoliberalen Rechtshegelianismus Elemente des Linkshegelianismus entgegengesetzt, wies Pierre Bourdieu 1993 mit La Misère du monde/Das Elend der Welt (1997) auf sozialempirischer Ebene nach, dass der innere Zusammenhalt und die Solidarität der französischen Gesellschaft durch den Neokonservatismus und Neoliberalismus samt seiner Zerstörung des Sozial- und Wohlfahrtsstaats bereits auf das Bedenklichste zu bröckeln begann (ebd.). Dies führte ihn zu einer "staatslinken" Position, die er in seinen Vorlesungen am Collège de France ausformulierte (Bourdieu 2014) und die ihn nach der Enttäuschung durch den "dritten Weg" Lionel Jospins – dessen Politik mit jener von Bill Clinton, Tony Blair, Gerhard Schröder oder Franz Vranitzky deckungsgleich gewesen ist – zur Gründung von Attac bewog. All dies geschah zu einem Zeitpunkt, an dem jene Stimmen immer lauter wurden, die behaupteten, es gäbe kein "Proletariat" mehr und schon gar nicht als "revolutionäre Klasse".

De facto war der Fall der Mauer aber auch die totale konterrevolutionäre Vernichtung und strategische Niederlage des durch eineinhalb Jahrhunderte hindurch langsam organisierten weltweiten Proletariats am Ende des Kalten Krieges, der darin bestand, die russische Oktoberrevolution in konterrevolutionärer Absicht null und nichtig werden zu lassen, um damit die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren. Was Hitler auf dem Weg nach Moskau wegen Stalingrad nicht gelungen ist, erledigten dann Helmut Kohl und Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Immerhin die letzte Leistung der KPdSU, die der russischen Bevölkerung statt Arbeitsplatzsicherheit und kollektivem Eigentum an der "Basis" freie Meinungsäußerung und Privateigentum im "Überbau" garantierte. Nach 1989 – wir erinnern uns auch an die Ausschaltung des russischen Parlaments durch Boris Jelzin – wurden öffentliche Gelder und mithin der staatliche Besitz binnen kürzester Zeit durch eine Welle von Privatisierungen zerschlagen, wodurch es einer neuen Oligarchie gelang diese Ressourcen an sich zu reißen (Losurdo 2016: 302). Heute geht es mit Sicherheit den Bevölkerungen der ehemaligen realsozialistischen Staaten im Durchschnitt keineswegs besser als vor dem Fall der Mauer. Die zweite Welt krachte in die dritte Welt und die erste Welt akkumuliert sich in ihren eigenen Tod durch Amoklauf (Berardi 2016; Theweleit 2015).

Die westlichen Gesellschaften haben als Teil des kapitalistischen Weltsystems genau deshalb die "proletarischen" Tätigkeiten in die Peripherien (z. B. Bangladesch) ausgelagert, wodurch der Kapitalismus in den ressourcenstarken Zentren nicht mehr mit organisiertem Widerstand des Proletariats rechnen, sondern die gezielte Entsolidarisierung und systematische Individualisierung der arbeitenden Bevölkerungen in Gang setzen konnte: Proletarier aller Länder, vereinzelt Euch! In diesem Sinne hielten auch die Marxisten Deleuze und Guattari 1972 fest:

"Und wenn tatsächlich zumindest partiell im Zentrum der tendenzielle Fall der Profitrate oder deren Egalisierung spürbar wird, was die Ökonomie auf die fortgeschrittensten und automatisiertesten Sektoren sich verlagern läßt, so sichert eine wahrhaftige »Entwicklung der Unterentwicklung« an der Peripherie die verstärkte Ausbeutung des hier ansässigen Proletariats gegenüber dem des Zentrums, wie ein Ansteigen der Mehrwertrate." (Deleuze/Guattari 1974: 297)

Das ist in kurzen marxistischen Worten die ganze Geschichte von Kolonialismus, Imperialismus und "Globalisierung". In Wahrheit sind ausgehend von diesem Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie auf unserem Globus rein quantitativ heute mehr Menschen in die Peripherie gezwungene "Proletarier*innen" – und seien es Hilfsarbeiter*innen in Wien Liesing – im Sinne der Klassenlage der prekären Lohnabhängigkeit und -ausbeutung als jemals zuvor in der Geschichte, weshalb in der analytischen Reaktion auf diese Verhältnisse hinsichtlich der westlichen Gesellschaften von "Kognitariat" – also die virtuell nicht organisierbare Klasse der mentalen Wissensarbeiter*innen – und "Prekariat" die Rede ist (Böhning 2006; Standing 2015). Kognitariat nennt sich dieses neue Proletariat, weil mit ihm das Wissen (engl. knowledge, fr. savoir) endgültig zur unmittelbaren und primären Produktivkraft unserer Gesellschaften geworden ist, wie Marx es mit berühmten – maschinen- und medientheoretisch äußerst wichtigen – Worten prognostizierte:

"Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffne Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft. Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist, und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen, und ihm gemäß umgeschaffen sind." (Marx 1974: 594)

3.3.  Von der Wissenskraft des generellen Intellekts: Prekariat


Abb. 14: Franco »Bifo« Berardi – »Precarious Rhapsody«
Quelle: Amazon

Dieser general intellect ist heute mit Sicherheit die entscheidende Produktivkraft, wodurch traditionelle Handarbeit in unseren westlichen Wissens- und Informationsgesellschaften mehr und mehr durch (digitalisierte) Kopfarbeit ersetzt wurde, wenngleich sich an den grundlegenden Dynamiken und Mechanismen des Kapitalismus (Braudel 2011), wie das wichtigste politische Pamphlet der Moderne – das kommunistische Manifest – sie herausragend und mit prognostischer Kraft zu Papier brachte (Hobsbawm 2012: 108–128; Marx/Engels 1999) – nichts geändert hat. Seit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals im 16. Jahrhundert, die im Übrigen auch nach dem Fall der Mauer schlicht genauso brutal wiederholt wurde, laufen die Mechanismen der kapitalistischen "Höllenmaschine". Deshalb betonte auch Franco "Bifo" Berardi, dass die traditionellen Arbeitsverhältnisse sich in der Wissensgesellschaft zwar transformiert haben, aber nichts desto trotz brutale Ausbeutungsverhältnisse darstellen. Er hielt dahingehend fest:

"Das Wort 'Prekariat steht im Allgemeinen für jenen Bereich der Arbeitswelt, der nicht mehr durch feste Regeln in Bezug auf die Arbeitsbeziehung, das Gehalt und die Dauer des Arbeitstags definiert werden kann. Wenn wir jedoch die Vergangenheit analysieren, sehen wir, dass diese Regeln nur für einen begrenzten Zeitraum in der Geschichte der Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital funktionierten. Nur für eine kurze Zeit im Herzen des zwanzigsten Jahrhunderts, unter dem politischen Druck der Gewerkschaften und Arbeiter, unter Bedingungen der fast erreichten Vollbeschäftigung und dank einer mehr oder weniger stark regulatorischen Rolle des Staates in der Wirtschaft. So hat die natürliche Gewalt der kapitalistischen Dynamik die politische Kraft der Arbeiterbewegung begrenzt und die natürliche Prekarität der Arbeitsbeziehungen im Kapitalismus sind samt ihrer Brutalität zurückgekehrt." (Berardi 2010: 32–33)[1]

In diesem Sinne war es einer der brutalsten und zerstörerischsten Angriffe auf Marx und den Marxismus (Hobsbawm 2012), zu behaupten, es gäbe in den westlichen Wissens- und Informationsgesellschaften bzw. Dienstleistungsgesellschaften eben kein Proletariat und mithin auch keine revolutionäre Klasse mehr, ist doch deren schlagkräftige Organisation – marxistisch betrachtet – von einem institutionell (Partei[en], Gewerkschaft[en], Vorfeldorganisation[en], Medien) verankerten "Klassenbewusstsein" – also dem Grad an reflexiver Einsicht in die eigene individuelle und kollektive Klassenlage – direkt abhängig. Dadurch war auch die prinzipielle Legitimität von Revolution(en), Revolten oder Aufständen (von der englischen über die französische bis zur russischen Revolution, von den Maschinenstürmern bis zu den Student*innen des Mai 68 oder der Occupy-Wall-Street-Bewegung) diskursstrategisch durch eine ganze Reihe von historischen Revisionismen delegitimiert (vgl. dementgegen Lagasnerie 2016). Denn dass die Klasse(n) der Kognitarier*innen und Prekarier*innen (als Proletarier*innen) nicht solidarisch sein können, ist selbst klarerweise ein Effekt ihrer systematischen Entsolidarisierung, Desorganisation, Individualisierung und Isolierung, die – parallel zu einer bürgerlichen Doppelmoral – auch durch repressive Überwachungs- und Bestrafungstechnologien moralisch aufrechterhalten wird (Foucault 1976), indem informationstechnologische (IKT) Überwachungsstrukturen im Sinne ideologischer Staatsapparate (Althusser 2016) den sozialen Raum als paranoische Dispositive der Steuerung, Kontrolle und Disziplin (Ballhausen/Barberi 2014) durchziehen, um noch die letzte Lebenswelt bis in die geringsten Poren kapitalistisch zu besetzen und auszubeuten. Angesichts von Google, Amazon und Co. handelt es sich dabei um neofeudale Formen der "digitale(n) Leibeigenschaft, gegen welche die analoge des Absolutismus als harmlos erscheint" (Gremliza 2017). Der Widerstand gegen diesen Neofeudaliamus und Neokolonialismus – dies unterschätzt Gremliza indes in gravierendem Maße – wird sich indes nicht ohne digitale Mittel organisieren lassen.

3.4. Requiem for the American Dream


Abb. 15: Noam Chomsky
© Creative Commons: Kelly Maeshiro

Weiters ist es bemerkenswert, dass Noam Chomsky in der ihm gewidmeten Dokumentation Requiem for the American Dream (Hutchison 2015) jüngst eingehend die fatale Konzentration von Reichtum und Macht – und das ist Das Kapital – in den Händen der amerikanischen Eliten analysierte, die Geschichte der amerikanischen Arbeiter*innenbewegung rekapitulierte und – ähnlich wie Eric Hobsbawm (1999), Pierre Bourdieu (2014) und Jürgen Habermas (1998) – luzide erläuterte, was durch die Zerstörung des "goldenen Zeitalters" (vgl. noch einmal Hobsbawm 1999: 285–499) des New Deal und des Sozialstaats an Devastierungen (man denke nur an den heutigen Rust Belt, dessen meist weiße Arbeitslose auf Donald Trump hoffen) zu konstatieren ist. Der anarchosyndikalistische Sozialist (Chomsky 2004: 187–230) – der indes am MIT typisch anti-amerikanische Schwierigkeiten bekommt und (deshalb) auch welche hat, seine Position als marxistisch zu bezeichnen (Hutchison 2015: TC: 00:25:53) – operiert dabei deutlich mit dem Konzept des Klassenkampfs, wenn er vom "prekären Proletariat" spricht (Precarian Proletariat), das er als die arbeitende Bevölkerung dieser Welt begreift, die zunehmend prekäre Lebensverhältnisse akzeptieren muss (ebd.: TC: 00:29:26). Ganz in diesem Sinne hielt der Amerikaner Chomsky – genau wie der Ire Eagleton und der Italiener Berardi – an anderer Stelle fest, dass dieses neue Proletariat als Prekariat durch die systematische Zerschlagung von Gewerkschaften (Reagan/Thatcher), die Flexibilisierung der Finanzmärkte und die Deregulation (des Sozial- und Wohlfahrtstaats) auf globaler Ebene entstand:

"Vor zehn Jahren haben radikale italienische Arbeiteraktivisten zu Ehren des 1. Mai ein sehr nützliches Wort geprägt: 'Prekarität'. Es verwies zunächst auf die zunehmend prekäre Existenz arbeitender Menschen 'an den Rändern' der Gesellschaft – Frauen, Jugendliche, Migranten. Dann erweiterte es sich auf das wachsende 'Prekariat' der Kernarbeitskräfte, das 'prekäre Proletariat', das unter den Programmen der Gewerkschaftszerschlagung, Flexibilisierung und Deregulierung leidet, die Teil des Angriffs auf die Arbeit in der ganzen Welt sind." (Chomsky 2011)[2]

3.5. Conclusio: Die Idee des Sozialismus im 21. Jahrhundert


Abb. 16: Heinz Dietrich – »Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts«

Um es zu wiederholen: In verschiedenen Nationen wurde diese Analyse der Zerschlagung des Sozial- und Wohlfahrtstaates von "alten neuen Linken" ebenfalls vorgestellt: in den USA eben durch Chomsky, in Großbritannien durch Hobsbawm, in Frankreich durch Bourdieu und in Deutschland durch Habermas oder Manfred Frank (Frank 1999), weshalb hierzulande die Verwerfungen zwischen Bourdieu und der Frankfurter Schule so schnell wie möglich abgebaut werden sollten (Bauer 2014). Diese Anschläge (Speed Kills als Schockstrategie) greifen so im Klassenkampf ineinander und multiplizieren in und durch Medien die sich manipulativ einhämmernden Territorialisierungen des Kapitalismus, indem die Proletarier*innen voneinander abgeschnitten werden und so (im Sinne einer Korporation) nicht nur einen durch Burn-Outs, Psychiatrierungen oder Inhaftierungen (Davis 2003; Jackson 1994) geschädigten individuellen Körper verarbeiten müssen, sondern auch keinen kollektiven Körper mehr besitzen, der sie auch nur irgendwie lokal, national, kontinental oder global repräsentieren (Barberi 2001; Sonderegger 2016) und damit auch organisieren und aktivieren könnte. Die von Ingeborg Maus hervorragend über Rousseau und Kant archäologisch gehobene "Volkssouveränität" der Französischen Revolution wird mithin im Klassenkrieg, einem "gnadenlose(n) Wirtschaftskrieg" (Derrida 2004b: 116) mit allen strategischen (und kybernetischen) Mitteln abgeschossen (Maus 2011). Deshalb greift auch der von Chantal Mouffe vorgeschlagene "Linkspopulismus" (etwa Podemos oder Syriza) nur in geringem Maße (Errejón/Mouffe 2016; Mouffe 2014, 2016).

Von der sozialempirischen Nicht-Existenz der Proletarier*innen kann aber genau deshalb am Beginn des 21. Jahrhunderts keine Rede sein. Wenn im Empire (Hardt/Negri 2002) des Faschisten Donald Trump der Common Wealth (Hardt/Negri 2010) mit brachialen Schockstrategien (Klein 2014) zerstört wird, muss das, was als Globalisierung nur oberflächlich begriffen wird, auf den Punkt gebracht werden: Globalisierung ist nur das neue Wort für die weltweite Brutalität eines marktradikalen und gänzlich zerstörerischen Kapitalismus 4.0 mit allen technologischen Updates (Ditfurth 2009). Die Arbeiter*innenklasse ist in diesem globalen Zusammenhang ideologisch hinsichtlich ihres Organisationsgrades schlicht am niedrigsten intellektuellen und organisatorischen Punkt seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert angelangt (Thompson 1987) und in einem unfassbar (klassenunbewussten) desaströsen und gänzlich verwirrten und desorientierten Zustand. Hier hilft nur eine radikale Reideologisierung (Habermas 2009) und volkssouveräne Demokratisierung im Sinne eines (vorsichtigen) an der Volkssouveränität, die mit der faschistischen Volksgemeinschaft eben nichts zu tun hat, orientierten Linkspopulismus der die Idee des Sozialismus (Honneth 2015) im Sinne eines "Back to the roots!" als "Back to the future!" ins 21. Jahrhundert trägt (Dieterich 2006).

4. Die Mannigfaltigkeit der Klassenkämpfe


Abb. 17: Marx/Engels-Denkmal in Russland
© Creative Commons: Igriks

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft
ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1847/1848)

Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben,
kein Bildermalen oder Deckchensticken;
sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend,
so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend
und großherzig durchgeführt werden.

Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt,
durch den eine Klasse eine andere Klasse stürzt.

Mao-Tse-Tung, Das kleine Rote Buch (1965)

"[…] das unglaublich kurze Gedächtnis der Wirtschaftstheoretiker und -praktiker.
Es zeigt uns auch, wie dringend eine Gesellschaft Historiker braucht,

die professionell an das erinnern,
was ihre Mitbürger zu vergessen wünschen."

"Nur eine Rationalisierung ex post
kann den Faschismus
mit Lenin und Stalin entschuldigen."

Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme (1994)

4.1. Das Gespenst des Klassenkampfs als Wiedergänger


Abb. 18: Domenico Losurdo
© Creative Commons: Palazzo Madama Museo Civico d'Arte Antica

Insofern wäre eine Neue Linke 4.0 nun gut vorbereitet, wenn es uns ausgehend von Marx' Gespenstern gelungen ist zu verdeutlichen, dass wir auf höchstem soziologischem, ökonomischem und philosophischem Niveau alle methodologischen Instrumente in der Hand haben, auch den hochkomplexen und ausdifferenzierten sozialen, ökonomischen und medialen Raum unserer spätkapitalistischen digitalen und kybernetischen Wissens- und Informationsgesellschaften (Tiqqun 2007) am Beginn des 21. Jahrhunderts mit logisch und epistemologisch abgesicherten Klassifikationen als einen Raum von Klassen zu begreifen, deren Interessen in komplizierten Klassenkämpfen feldspezifisch aufeinanderkrachen. Dabei kann auf globaler, kontinentaler, nationaler und lokaler Ebene die Existenz von Proletarier*innen (als Kognitarier*innen und Prekarier*innen) schlicht nicht geleugnet werden, wodurch die archäologische Relektüre von Marx und Engels mehr als Erstaunliches zu Tage fördert. Dies hat jüngst der große italienische Philosoph, Diskurs- und Sozialhistoriker Domenico Losurdo auf mehr als 400 Seiten deutlich gemacht, nachdem er mit seinem sehr umfangreichen und faszinierenden Lebenswerk u. a. die Nietzsche-Forschung revolutionierte (Losurdo 2009) und ein sehr wichtiges Buch zur Geschichte der Stalin-Bilder vorgelegt hatte (Losurdo 2013). In Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? Eine politische und philosophische Geschichte (Losurdo 2016) expliziert Losurdo aus der Perspektive des historischen (und dialektischen) Materialismus die Aktualität des Klassenkampfs – auch als Interpretationsschema der gesamten Neuzeit und mithin der Moderne – und stellt ebenfalls eine rhetorische Frage, deren Antwort indes sonnenklar ist. Der erste Satz seines Meisterwerks ist deshalb hinsichtlich des (proletarischen) Prekariats paradigmatisch:

"Während die ökonomische Krise die soziale Polarisierung weiter verstärkt und, darin die historische Erinnerung an die Große Depression von 1929 auffrischend, Millionen Menschen zur Erwerbslosigkeit, zur Prekarität, zur alltäglichen Existenzangst, gar zum Hunger verdammt, häufen sich die Aufsätze und Artikel, die von einer »Rückkehr des Klassenkampfes« sprechen. War er also folglich verschwunden?" (ebd.: 9)

Was den Hunger betrifft, ist man gut beraten, sich an Jean Ziegler (2011), den revolutionären Genossen und Freund von Che Guevara (1989), zu wenden und somit auch Die Verdammten dieser Erde niemals zu vergessen (Fanon 2008). Und ja, mit den gestürzten Denkmälern für Marx und Engels und der Niederlage der realsozialistischen Staaten am Ende des Kalten Krieges war auch das Grundkonzept des Historischen Materialismus, der Klassenkampf, auf dem Müllhaufen der Weltgeschichte bzw. mit den Ausgaben der MEW – oder seltener der MEGA – auf den Dachböden oder in den Kellern der an den Kapitalismus angepassten Intellektuellen gelandet. Melancholie und Orientierungslosigkeit machte sich in den frühen 1990er Jahren breit. Eine neue Unübersichtlichkeit, die sich schon davor angekündigt hatte (Habermas 1986) führte zu einer neuen Zerstörung der (historisch-materialistischen) Vernunft (Habermas 1991; Lukács 1954). Indes war es gerade Habermas, der in der Theorie des kommunikativen Handelns von einer "sozialstaatlichen Pazifizierung des Klassenkonflikts" (Habermas 1988: 512) durch reformistische Keynesianische Wirtschaftspolitik gesprochen – und damit (wenigstens) einen Sozialdemokratismus à la Willy Brandt oder Bruno Kreisky unterstützt – hatte, wodurch in seiner Generation der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule – etwa im Vergleich zu Benjamin aber auch zu Horkheimer und Adorno – eine über Oskar Negts Auseinandersetzung mit der Roten Armee Fraktion laufende (Möller 2013; Negt 2015) deutliche argumentative Entradikalisierung zu verzeichnen war, die auf einer viel zu optimistischen Einschätzung der (Klassen-)Lage in Deutschland beruhte. Insofern hat sich die Eigentumsordnung in den deutschen Verhältnissen seit den Nachkriegsjahren wie schon seit Jahrhunderten eben genau nicht verändert (Brückner 2006).

4.2. Von der Krise, vom Öl und vom Kriege


Abb. 19: Clausewitz
© Creative Commons: Hello World

Dabei lässt sich, so hält auch Losurdo fest, die "Ewigkeit des Sozialstaats" nicht "als selbstverständlich voraussetzen", da – wie auch in diesem Papier mehrfach hervorgehoben wurde – "dessen Instabilität und dessen fortschreitende Demontage mittlerweile für jedermann sichtbar geworden ist." (Losurdo 2016: 11). Das Faszinosum unserer Gegenwart ist, dass die Schriften der Klassiker Marx und Engels – und mit ihnen der historische Materialismus (u. a. Walter Benjamins) – durch die gesamte Geschichte der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften hindurch genau in dem Maße wieder an Plausibilität und Wahrhaftigkeit gewinnen, in dem der heutige deregulierte Kapitalismus genauso wütet, wie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr, und seine polare und konjunkturelle Krisenanfälligkeit (Sinn 26.01.2017) Tag für Tag unter Beweis stellt. Die nächste Krise – so Marx, alle Marxist*innen und damit auch ein ehedem orthodoxer (nunmehr wahrhaftig heterodoxer) Marxismus – kommt wie das Amen im Gebet. Denn im Sinne des radikalen Marxisten und gauchisten Walter Benjamin wird die Menschheit erst dann erlöst sein, wenn unsere Vergangenheit – und damit auch die Schriften von Marx und Engels – "in jedem ihrer Momente zitierbar geworden" ist, um damit in der Jetztzeit als Klassenbewusstsein vollständig gegenwärtig und präsent zu sein (Benjamin 1980: 694). Aus diesem Blickwinkel wird historisch und tatsächlich im Sinne der Aufklärung Tag für Tag immer klarer, dass das "Goldene Zeitalter" des Sozial- und Wohlfahrtsstaates (1945–1989) gerade nicht durch "Befriedung" entstanden, sondern vielmehr umgekehrt "das Ergebnis einer politischen wie sozialen Bewegung der subalternen Klassen, also letztlich das Resultat des Klassenkampfes" (Losurdo 2016: 11) gewesen ist, den die plebejische Arbeiter*innenbewegung gegen Kleinbürgertum, Bourgeoisie und Aristokratie – mit Vorläufern – seit den Jakobinern der Französischen Revolution im 19. Jahrhundert und den Bolschewiki der Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert hindurch revolutionär ausgefochten hatte. Der westliche Sozial- und Wohlfahrtsstaat wurde auch durch die von Trotzki aufgebaute Rote Armee mit Millionen Toten – 27.000.000 davon "jüdische Bolschewiken" in Russland, die vom "Blitzkrieg" der Nationalsozialisten ermordet wurden – erkämpft. So muss auch die Entscheidungsschlacht des 20. Jahrhunderts in Stalingrad als eine antifaschistische Leistung der russischen Revolution in Erinnerung bleiben. In diesem Sinne hielt der historische Materialist Eric Hobsbawm in Bezug auf das 20. Jahrhundert konzise fest:

"Wie sich herausstellen sollte, verliefen die entscheidenden Grenzen in diesem Bürgerkrieg nämlich nicht zwischen dem Kapitalismus und der sozialen Revolution des Kommunismus als solchen, sondern zwischen zwei ideologischen Familien: auf der einen Seite die Nachkommen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts und der großen Revolutionen, wozu natürlich [sic! A.B.] auch die Russische Revolution gehörte [sic! A.B.]; auf der anderen Seite alle ihre Gegner." (Hobsbawm 1999: 186)

Das Konzept des historischen Materialismus lehrt mithin in der gesamten makrokönomischen Weltgeschichte bis hin zur mikroökonomischen Lokalgeschichte, dass es konfliktgeladene Gegnerschaften, eben Klassenkämpfe sind, die nicht durchgängig – also nicht in jedem Fall – aber der Tendenz nach und "in letzter Instanz" (Engels 1989: 25) ökonomisch bestimmt sind. Zur diesbezüglichen Erläuterung ein paar aktuelle rhetorische Fragen: Glaubt jemand, es ginge in Syrien etwa nicht um die materielle Ressource Gas (Ganser 2016)? Glaubt jemand Gaddafi fiel und es ging nicht um die "historische Materialität" und die "Basis" von libyschem Öl, sondern um den "Überbau" der Menschenrechte? Und glaubt jemand, die Bush-Familie habe nach dem Sturz der Sowjetunion ganz historisch und ganz materiell mit ihren Irak-Kriegen keine blutigen in Öl getauchten Hände (Ganser 2012)? So, we Marxists are not ready to make nice (Dixie Chicks 2009)!

Im Sinne des Historischen Materialismus, der nunmehr im Sinne eines "doppelten Materialismus" – der präziser noch als bei Marx die Ebene des Symbolischen und der Denkbewegungen erfasst – auch ästhetische Phänomene wie den Geschmack als materielle Klassenkonflikte und distinktive Klassenkriege begreifen kann (Bourdieu 1992a), hielt Marx als Ahnherr solche Fragen in den Grundrissen deutlich fest:

"[…] Krieg früher ausgebildet wie der Frieden; Art wie durch den Krieg und in den Armeen etc. gewisse ökonomische Verhältnisse, wie Lohnarbeit, Maschinerie etc. früher entwickelt als im Innren der bürgerlichen Gesellschaft. Auch das Verhältnis von Produktivkraft und Verkehrsverhältnissen besonders anschaulich in der Armee." (Marx 1974: 29)

Dieses zutiefst mit den Analysen des "Generals" Friedrich Engels verbundene kriegswissenschaftliche Wissen des Marxismus um den Klassenkampf führte auch Slavoj Zizek jüngst dazu, hinsichtlich der heutigen weltweiten Probleme auf das Militär zu setzen (Žižek 2015: 77). Und so gespenstert und tobt nun nach dem Ende der Geschichte der verdrängte Klassenkampf als Klassenkrieg. Ein Gespenst geht um in Europa …

4.3. Die Fabrik und die Mannigfaltigkeit der Kämpfe


Abb. 20: VW Manufaktur
© Creative Commons: Christian Gebhardt

In diesem Zusammenhang macht Domenico Losurdo an vielen Stellen deutlich, dass Marx und Engels die Klassenpolarität zwischen Bourgeoisie und Proletariat oft nur als Zuspitzung argumentierten und meist empirisch ein viel komplexeres "dialektisches" Verhältnis der konkreten sozioökonomischen Verhältnisse im Sinne von "Klassenkämpfen" (im Plural) in ihrer spezifischen Mannigfaltigkeit vor Augen hatten: in der Pluralität der Produktionsverhältnisse stoßen dabei Produktivkräfte in Produktionsfeldern aufeinander. Marx stand dabei vor allem die Fabrik (Marx 1989: 441–450) vor Augen, die als leibhaftige "Zentralmaschine" einen autokratischen Automaten (ebd.: 442) darstellt, der durch Überwachen (ebd.: 441 und 445), Strafen (ebd.: 447) und "kasernenmäßige Disziplin" (ebd.) die lebendige Arbeitskraft vampiristisch "beherrscht und aussaugt" (ebd.: 446). Innerhalb dieser Verhältnisse sind immer auch Widerstandskräfte aktiv, wobei Marx und Engels vor allem drei Achsen der Ausbeutung und Unterdrückung immer wieder in diesem Sinne korreliert und analysiert haben: die Nation etwa angesichts des irischen Unabhängigkeitskampfes, die Race angesichts der Sklaverei im amerikanischen Sezessionskrieg und das Geschlecht etwa angesichts der sich konstituierenden Frauenbewegung, war doch für Marx "der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation" (Losurdo 2016: 28). Die Klassifikation von Klassen umfasst mithin auch diese Achsen der Unterdrückung. Race, class und gender sind denn auch bis heute – nicht nur im angelsächsischen Raum – grundlegende Kategorien der Frauengeschichte (Lerner 1997: 157). Eine schwarze, nicht ausgebildete Plantagenarbeiterin und Mutter in den amerikanischen Südstaaten des 19. Jahrhunderts war mithin schon für Marx und Engels eine dreifach auf das Brutalste unterdrückte Frau als Proletarierin, die der "Mohr" und der "General" – neben der und für die große Jenny Marx – mit voller Solidarität bedachten, weshalb sie Abraham Lincoln tatkräftig unterstützten (Marx et al. 1972).

Im Zuge der Erläuterung des Historischen Materialismus ist es für Losurdo darüber hinaus gänzlich klar, dass die Klassenkämpfe immer auch äußerst mannigfaltige Kämpfe um Anerkennung (Honneth 2010) zwischen Herren (Sklavenhalter/Bourgeoisie) und Knechten (Sklaven/Proletariat) darstellen, weshalb er mit breiter historischer Quellenkenntnis verdeutlicht, was die materialistische Wendung der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik bei Marx und Engels im Sinne einer Wahrnehmung und Analyse des sozialen Raums als Kampf- und Konfliktzone bedeutet:

"Eine bestimmte historische Situation zeichnet sich immer durch eine Mannigfaltigkeit der Konflikte [sic! A. B] aus und umgekehrt ist jeder Konflikt seinerseits gekennzeichnet durch die Anwesenheit einer Vielfalt gesellschaftlicher Subjekte, die ihre verschiedenen und einander entgegenstehenden Interessen und Ideen zum Ausdruck bringen. Zur Orientierung in dieser Art von Labyrinth ist es nicht nur notwendig, die interne Konfiguration irgendeines dieser Konflikte zu erforschen, sondern auch, auf welche Weise sie sich artikulieren und wie sie innerhalb einer konkreten Totalität [sic! A. B] strukturiert sind. Eine historische Krise zu meistern, ist eine Herausforderung auf theoretischer wie auf politischer Ebene." (Losurdo 2016: 150)

Gerade das im Rahmen des Marxismus permanent diskutierte Verständnis von Revolutionen macht eine derartige Feinanalyse der Quellenlage notwendig, weil gerade mit ihnen die (historische) Möglichkeit eines Klassenumsturzes verbunden war und ist. Daher ist es ein glatter historischer Revisionismus, zu behaupten, Revolution(en) würden in der Katastrophe enden. Im Gegenteil haben Revolutionen auf lange Sicht die Freiheit der Menschen befördert. De facto muss mithin jedes historische Ereignis sehr filigran anhand von schriftlich überlieferten Texten in die jeweilige Komplexität der Kontexte eingebettet werden, um die konkreten politischen Kräfte samt ihrer Akteur*innen (Marx nennt sie "Charaktermasken") zu verstehen, die in einer gegebenen historischen Konstellation aufeinanderprallen. Es sind diese mit einander ringenden (Produktiv-)Kräfte – wirtschafts- und sozialgeschichtlich getragen von Klassen, Massen und Bevölkerungen – und kein Hegelscher synthetisierender und über dem "Realen", dem Wirkungsverhältnis der Wirklichkeit, stehender Weltgeist –, die sowohl für die Lokal- als auch die Weltgeschichte entscheidend sind.

4.4. Die Poesie historischer Materialisten


Abb. 21: Brecht-Denkmal
© Creative Commons: dusdin

Wie lauteten also die Fragen eines lesenden Arbeiters, der in allen Wortbedeutungen ein historischer Materialist (gewesen) ist?

[…] Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?

Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?

Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte.
So viele Fragen.

(Brecht 1990: 656–657)

In diesem Gedicht ist alles für den Historischen Materialismus Nötige festgehalten. Hinsichtlich des Historischen im Historischen Materialismus, hinsichtlich des epistemologischen Profils der Geschichte also, die nach Engels die erste unserer Wissenschaften ist, behält Althusser mithin auch heute noch Recht:

"Marx hat eine neue Wissenschaft begründet: die Wissenschaft von der Geschichte. Ich werde ein Bild gebrauchen. Die Wissenschaften, die wir kennen, liegen auf einigen großen »Kontinenten«. Vor Marx waren der wissenschaftlichen Erkenntnis zwei Kontinente eröffnet worden: der Kontinent der Mathematik und der Kontinent der Physik. Der erste durch die Griechen (Thales), der zweite durch Galilei. Marx hat der wissenschaftlichen Erkenntnis einen dritten Kontinent eröffnet: den Kontinent der Geschichte." (Althusser 2011: 333)

Muss man an dieser Stelle also noch einmal an den größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und seinen Galilei erinnern (Brecht 2013)? Und wenn schon nicht mit Brecht, dann wenigstens depressiv mit Heiner Müllers Mommsens Block als historischer Materialismus (Müller 1993) und dem Klassenkampf als Krieg ohne Schlacht (Müller 1992). Denn am Ende sind Brecht und Müller gerade als Poeten zwei große deutsche Meister des Historischen Materialismus und mithin einer Geschichtsauffassung und Methode, die alle vorliegenden Ereignisse – vergangene und/als gegenwärtige, die auf die sozialistische Zukunft verweisen – in die kriegswissenschaftlich gefasste Ordnung des Klassenkampfs eintragen kann.

So hat mithin nach unserer Beweisführung Marx grundlegend Recht: Wenn man etwa mit Bourdieu die Ausdifferenzierung unserer westlichen Gesellschaften entlang unterschiedlicher Kapitalsorten und ihrer Teilfelder – als kapitalproduzierende Produktionsfelder – über die Teilung in ökonomisches, soziales, kulturelles etc. Kapital vornimmt (Bourdieu 1983) und diese Sorten über die Anerkennung (reconnaissance) als symbolisches Kapital synthetisiert, so geht es eben doch um den Kopf von Marx und damit um Das Kapital.

4.5.  Conclusio: Liberté, Égalité, Fraternité!


Abb. 22: Liberté, Égalité, Fraternité!
© Creative Commons: Jef-Infojef

Und da es keine Wissenschaft ohne Klassifikation geben kann, ist die Existenz von Klassen hiermit transzendental und empirisch ausgewiesen. Die Existenz von Proletarier*innen (als Prekarier*innen und Kognitarier*innen) wurde dabei genauso eingehend diskutiert wie die grundlegende Geschichtsmacht des Klassenkampfs. Damit stehen diese Ausführungen theoretisch und praktisch zur Gänze aufseiten der Rückkehr des Historischen (und dialektischen) Materialismus (Lefebvre 1966), wobei sich abschließend die Frage stellt, welche politischen Gegenstrategien im digitalen und kybernetischen Kapitalismus 4.0 zur Verfügung stehen, um sich der Ausbeutung, der Unterdrückung und der Repression durch Aristokratie und Bourgeoisie entgegenzusetzen. Wie könnte ein Widerstand 4.0 aussehen, der intellektuell und organisatorisch seine Schlagkraft aufbaut, um die Freiheit der Menschen zu befördern und alles zu tun, um historisch die Beendigung der Klassen- und das sind Eigentumsantagonismen herbeizuführen? Auf dass die Ideale der Französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und (gegenderte) Brüderlichkeit als Schwesterlichkeit und Solidarität unter den Menschen Wirklichkeit werden, ohne dass damit alle Widersprüche und Unterschiede zwischen den Menschen verschwunden wären … die ökonomischen Unterschiede aber schon. Denn an der Gleichheit und am Glück orientierte Gesellschaften sind für alle besser (Wilkinson/Pickett 2009). Liberté, Égalité, Fraternité!

5. Internationale, Sozialdemokratismus, Demokratischer Sozialismus und Neokommuni(tari)smus


Abb. 23: Karl-Marx-Monument in Chemnitz
© Creative Commons: Kolossos

At a certain point in his thinking Marx needed the Paris Commune
in order to make the leap and conceive communism
in concrete terms as an effective alternative to capitalist society.

Michael Hardt/Antonio Negri, Empire (2000)

Wir müssen noch 'Volk', 'Arbeiter',
'Abschaffung des Privateigentums' etc. sagen können,
ohne in unseren eigenen Augen als altmodisch dazustehen.

Alain Badiou, Die kommunistische Hypothese (2001)

 

5.1. Die (alte und die neue) Internationale


Abb. 24: Logo Sozialistische Internationale
© Creative Commons: Chaddy

Die erste Internationale Arbeiterassoziation (IAA) (International Workingmen's Association), wurde am 28. September 1864 sowohl von sozialistischen, sozialdemokratischen, kommunistischen als auch anarchistischen Gruppierungen und Gewerkschaften in London gegründet (Abendroth 1988: 97–105). Neben George Odger, Henri Tolain und Edward Spencer Beesly waren europäische Radikale wie Karl Marx, Mikhail Bakunin, Pierre-Joseph Proudhon, Louis Auguste Blanqui und Giuseppe Garibaldi die entscheidenden Schlüsselfiguren, wobei sich bald – nicht zuletzt in der Staats- und Organisationsfrage – eine Polarität zwischen Marx und Bakunin ergab (Bakunin 2004), die schlussendlich 1872 zur – bis heute spürbaren – Abspaltung respektive Gründung der anarchistischen Internationale führte (Brupbacher 2016). Erst als die Zweite Internationale mit Beginn des 1. Weltkriegs zerbricht und die Komintern sozusagen als Dritte Internationale 1919 in Moskau gegründet wurde, war die ursprünglich relativ homogene Radikalität des sozialistischen, sozialdemokratischen, kommunistischen und anarchistischen Antikapitalismus gerade durch diesen Weltkrieg gänzlich zerbrochen. Dabei ist das Problem mit der heutigen Sozialistischen Internationale (SI unter dem Vorsitz von Giorgos A. Papandreou, die 1951 in Frankfurt am Main im Rekurs auf die Zweite Internationale neu gegründet wurde), nicht nur, dass sie keine Wirksamkeit besitzt, sondern dass sie sich im Grunde durchwegs auf den sog. Dritten Weg (Giddens 1999) eingeschworen hat, um sich – nach der Niederlage des Realsozialismus – zwischen bzw. jenseits von Kapitalismus und Sozialismus zu positionieren und damit die Faktizität der Klassenkämpfe zu leugnen. Dabei bestand Giddens grundlegende Kritik an der Idee des Sozialismus darin, mit einem hochgradig defensiven Argument zu betonen, dass "sie die Innovations-, Anpassungs- und Produktivitätssteigerungsfähigkeit des Kapitalismus unterschätzte" (ebd.: 15). Kurz zusammengefasst: Giddens wollte zwischen den staatlichen Eingriffen in den sozialen und ökonomischen Bereich (klassische Sozialdemokratie mit Keynes) und dem schlanken Staat (Thatcherismus und Neoliberalismus mit Hayek) vermitteln, was heute theoretisch und praktisch als gänzlich gescheitert bezeichnet werden muss. Es gibt im Kapitalismus Antagonismen, die eben nicht vermittelt werden können, sondern klassenbetont ausgefochten werden müssen, um die "Hegemonie" der progressiven sozialistischen Kräfte zu erreichen (Laclau/Mouffe 2001).

Dabei war Giddens Buch nur der intellektuell zusammengefasste Endmäander einer von den sozialdemokratischen Parteien direkt nach dem Fall der Mauer ohnehin politisch eingeleiteten Abkehr vom Sozialismus, der keineswegs nötig gewesen wäre, da die Sozialistische Internationale genauso wenig wie die am Vortag noch sozialistischen Parteien der Sozialdemokratie keinen Anlass gehabt hätten, sich nach dem Zerfall der Komintern vom Demokratischen Sozialismus ihrer eigenen Geschichte zu verabschieden. Genau das aber haben die (sozial-)demokratischen Parteien von Bill Clinton, Tony Blair, Lionel Jospin, Gerhard Schröder oder Franz Vranitzky schon ohne Giddens fertiggebracht und damit tatkräftig den Kapitalismus gerade in der Wirtschaftspolitik als Neoliberalismus affirmiert und damit die Traditionen und "Visionen" des Sozialismus diffamiert und zerstört. Dahingehend hat sich etwa die SPÖ gänzlich von ihrer eigenen Tradition verabschiedet und u. a. der KPÖ Diskussionen über den Austromarxismus (auch in der Geschichte der SPÖ) überlassen (Baier 2008; KPÖ Graz 2007). Ausgehend von der theoretischen und praktischen Schwäche der Sozialistischen Internationale ist mithin eine Neue Internationale ins Auge zu fassen, die auf globaler Ebene langfristig alle Lohnabhängigen zusammenschließt. Was wäre aber im positiven Sinne die Ideologie dieser Neuen Internationale? Sozialdemokratismus, Demokratischer Sozialismus oder – wie neben anderen Michael Hardt, Antonio Negri, Alain Badiou und Slavoj Žižek vorschlagen – ein neuer Kommuni(tari)smus?

5.2. Sozialdemokratismus


Abb. 25: Karl-Marx-Hof
© Creative Commons: Anatoly Terentiev

Für Österreich gilt: einzig und allein die große Tradition des Austromarxismus (Pfabigan 1989) war für die Erfolge der ehedem sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) verantwortlich. Von Victor Adler (Misik 2016) über Otto Bauer (Amon/Teichgräber 2010) und Max Adler (Helwing 2016) war der Austromarxismus gleichsam im Kopf Bruno Kreiskys zu einem Höhepunkt des Musilschen Möglichkeitssinns und im Nachhinein betrachtet (man denke an Hannes Androsch und Josef Cap) auch zu seinem Ende gelangt (Petritsch 2010). Die Absolute Kreiskys in den 1970er Jahren war historisch betrachtet der Gipfelpunkt der jahrzehntelangen durch den Faschismus fast zerschlagenen Klassenkämpfe der österreichischen Arbeiter*innenbewegung – Kämpfe, um die Otto Bauer sehr genau wusste (Bauer 1970) – und entsprach einer "Diktatur des Proletariats" im Sinne einer demokratischen Republik und nichts anderes hatte Friedrich Engels gemeint: Dem anti-demokratischen reaktionären – konservativen und faschistischen – Klassenfeind muss die Demokratie und Republik strategisch diktiert werden. Machbar war indes in Österreich – und in allen Politikbereichen – nur eine bürgerliche Revolution, die mit erstaunlicher Verspätung umgesetzt wurde. Deshalb sind aus österreichischer Perspektive im Grunde auch heute noch die begrüßenswerten Positionen von Bernie Sanders und Jeremy Corbyn Minimalvarianten dessen, was u. a. in der österreichischen Geschichte des Austromarxismus die linke Tradition des Demokratischen Sozialismus im Sinne des Keynesianismus gewesen ist, da dieser wenigstens eine sanfte Stauchung der Klassenkämpfe (Annäherung des Gegensatzes von Kapital und Arbeit) mit sich brachte und insofern dem Historischen Materialismus zumindest teilweise entsprach. Links von dieser Position war aber und ist immer noch viel Platz, wenn man wuchtiger und revolutionärer davon ausgeht, dass auch der Keynesianismus nur ein Hinauszögern von Klassenkämpfen gewesen ist, die mit der reaktionären contre-attaque auf den Sozial- und Wohlfahrtsstaat erst recht explodierten. Deshalb ist der aktuelle Sozialdemokratismus in diesem politischen Sinn des Austromarxismus gemessen an der eigenen Tradition ein brachialer Revisionismus, der schon vom Demokratischen Sozialismus gelockert von und mit links überholt werden kann.

5.3. Demokratischer Sozialismus


Abb. 26: Bernie Sanders
© Creative Commons: Nick Solari

Interessant bleibt angesichts des Faschisten Donald Trump, dass hinsichtlich der amerikanischen Verhältnisse eine ebenfalls verdrängte Tatsache mit Bernie Sanders wieder bewusst wurde: Denn Franklin Delano Roosevelt kann genau im hier genannten Sinne als Demokratischer Sozialist bezeichnet werden, dessen New Deal eindeutig mit dem Sozial- und Wohlfahrtsstaat ein "Golden Age" in der amerikanischen Geschichte hervorgebracht hat. Genau dieser Umstand führte Bernie Sanders 2015 unter Applaus seines Publikums und mit großen Sympathien einer Generation jüngerer Amerikaner*innen dazu, deutlich zu machen, dass Amerika unter Berufung auf Roosevelt einen Demokratischen Sozialismus nötig hat (Sanders 2015). Dies war nach der Anpassung der demokratischen Partei an die Wirtschaftsdirektive(n) des Neoliberalismus – Bill und Hillary Clinton als Marionetten der Wall Street – eine klare zukunftsoffene Rückkehr zu den roots der Demokraten in der amerikanischen Arbeiter*innenbewegung, die strukturhomolog zum Erfolg von Jeremy Corbyn in Großbritannien zu sehen ist. Und sicher, gemessen am Neoliberalismus und der Verteidigung des Sozialstaats (health care system) ist dieser Demokratische Sozialismus in Rekurs auf Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes (Herrmann 2016) – und eben nicht Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek, Milton Friedman und die Chicago Boys – eine Durchkreuzung der angeblich so "neuen" New Labour, die etwa Corbyn parteiintern als veraltet erscheinen lassen wollte, obwohl sie es war, die historisch hinter die bereits erreichten Standards der sozialistischen Politik zurückgefallen ist. Und der Klassenverräter Tony Blair wütete als Jeremy Corbyn als Sozialist Parteivorsitzender der Labour Party wurde …

5.4. Neokommuni(tari)smus


Abb. 27: Logo: Dritte Internationale
© Creative Commons: Internationale Communiste

Deshalb ist es in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass nach der Kommunitarismusdebatte (Haus 2003; Reese-Schäfer 1995; Taylor 1996) parallel zum genannten Komplex des Dritten Wegs – unter bestimmten Bedingungen – auch die Aufrechterhaltung des roten Fadens des Kommuni(tari)smus angedacht wurde. So kam – wohl durch das Redigieren seiner Beiträger*innen und durch einige Aufenthalte in Frankreich, wo Mitterand mit Kommunist*innen regierte – selbst der deutsche Herausgeber des herausragenden Bandes Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen (1994), Joseph Vogl, vor über 20 Jahren gemeinsam mit den von ihm herausgegebenen Autor*innen auf einen anarchischen und partikularistischen Begriff des Kommuni(tari)smus zu sprechen:

"Dieser Kommunismus [sic! A. B.] schließt sich von jeder gegebenen Gemeinschaft aus und artikuliert eine Kraft, mit der sich die Partikularität in die Gesellschaft exponiert; er artikuliert eine Unterbrechung, die die konstitutive Schwäche und das Paradox einer demokratischen Politik hervortreibt, bejaht und konkretisiert: daß ihr gültiger Anspruch nur im Widerstreit mit sich selbst, an den Abbruchrändern des Universellen und in der Kontingenz des Ereignisses überlebt." (Vogl 1994: 23–24)

Aus heutiger Sicht wäre gerade hinsichtlich der Kommunitarismusdebatte die Frage zu stellen, wie das Kommunitäre des Kommun(itari)smus sich selbst von jeder Gemeinschaft ausschließen kann, wenn es sich denn als schlagkräftiges Kollektiv und organisierte Commune konstituieren soll, um im Klassenkampf organisatorisch aktiv und effektiv werden zu können.

Dieses Problem stellt sich auch angesichts der – sehr sympathischen – multitude von Michael Hardt und Antonio Negri, da die Mannigfaltigkeit von fliehenden Schwärmen institutionell und organisatorisch einem repressiven Staatssystem gegenüber immer unterlegen ist. Dennoch ist auch dieser "anarchische und partikularistische Kommuni(tari)smus" bei Hardt und Negri – bei letzterem auch gemeinsam mit Félix Guattari (Guattari/Negri 1990) – im Sinne von Common Wealth und Creative Commons deutlich ausformuliert: Nicht von ungefähr beenden beide ihre Analyse des Empire daher mit folgenden Sätzen:

"Diese Revolution [sic! A. B.] wird keine Macht kontrollieren können – weil Biomacht und Kommunismus [sic! A. B.], Kooperation [sic! A. B.] und Revolution [sic! A. B.] in Liebe, Einfachheit und auch in Unschuld vereint bleiben. Darin zeigen sich die nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und das Glück, Kommunist [sic! A. B.] zu sein." (Hardt/Negri 2002: 420)

Angesichts dieser Konstellationen sprach selbst Peter Engelmann (Passagen-Verlag) – in Anwesenheit des Autors – vor einem Wiener Vortrag von Jacques Rancière (Rancière 2013) zaudernd von einer Rückkehr des Kommunismus und Oskar Negt betonte – und dies ist wichtig für die Geschichte der Frankfurter Schule – im Zuge eines Vortrags in der Wiener Arbeiterkammer am 30. November 2010, dass Habermas und er in den 1970er Jahren mit ihrer (an Keynes orientierten und sozialdemokratischen) Umverteilungs-, Reform- und Sozialstaatspolitik – gleichsam ohne radikalen Klassenkampf – in ihrer Marx-Kritik Unrecht hatten. Die Frage, wer dann in der Bundesrepublik Deutschland der 1970er – und damit auch heute – Recht hatte, diese Frage mögen die Leser*innen sich selbst beantworten. Am Ende, so aber auch der späte Oskar Negt, behalte Marx hinsichtlich der radikalen Kritik an den devastierenden Mechanismen des Kapitalismus vollkommen Recht. Dann aber ist im Sinne Badious auch die kommunistische Hypothese (Badiou 2011) trotz aller fatalen "Radikalisierungen" des deutschen Herbsts – zwischen Großer Lage und Roter Armee Fraktion (Hauser 2007) – à la française erneut zu prüfen.

Denn Badiou rekapituliert in dieser brillanten Publikation die Geschichte der Pariser Kommune, die aus den französischen Schulbüchern verschwunden ist, zeigt so noch angesichts des "roten Jahrzehnts" vom Ende der Fünfziger zum Ende der Sechziger Jahre in Frankreich, in welchem Verhältnis die 68er-Bewegung zur (Geschichte der) Arbeiter*innenwegung stand und affirmiert so mit voller Kraft des devenir révolutionnaire (Deleuze 2014) und mithin auch heute noch die Legitimität der Revolte bzw. Revolution:

"Der Mai 68 ist zunächst ein Aufstand, eine Revolte der studentischen und gymnasialen Jugend gewesen. […] Ein zweiter, ganz anderer Mai 68 ist der größte Generalstreik in der gesamten französischen Geschichte. […] Es gibt einen dritten ebenso heterogenen Mai 68, den ich den libertären Mai nennen würde. Er betrifft die Frage des Sittenwandels, der neuen Liebesbeziehungen, der individuellen Freiheit, die Frage, die zur Frauenbewegung und dann zur Forderung nach Rechten für und der Emanzipation von Homosexuellen führt." (Badiou 2011: 37–40)

In diesem Sinne bezieht Badiou den Mai 68 – im Rekurs auf Foucaults Figur der "Subjektivierung" – auf die Französische Revolution, die Pariser Kommune und die chinesische Kulturrevolution, um dem Wort "Kommunismus" folgende Bedeutung zu verleihen:

"Das Wort »Kommunismus« hat den Status einer Idee, was heißen soll, dass dieses Wort, ausgehend von einer Inkorporation und also vom Innern einer politischen Subjektivierung [sic! A. B.], eine Synthese aus der Politik, der Geschichte und der Ideologie bezeichnet. Deshalb ist es besser, es als eine Operation denn als einen Begriff zu verstehen. Die kommunistische Idee existiert nur an der Nahtstelle zwischen Individuum und politischer Prozedur, als jene Komponente der Subjektivierung [sic! A. B.], die sich in einer historischen Projektion der Politik erhält." (ebd.: 158)

5.5.  Der absolute Gegenstoß


Abb. 28: Žižek
© Creative Commons: Mariusz Kubik

Ganz in diesem Sinne argumentiert auch Slavoj Žižek, wenn er meint, dass mit dem neuen Klassenkampf die Figur einer nachdrücklichen Artikulation der dem Kapitalismus immanenten Antagonismen anvisiert werden muss. Dabei leistet er auch hinsichtlich der Reaktivierung von Walter Benjamin einiges, wenn er betont, dass die "göttliche Gewalt" des frühen Benjamin sich später deutlich in der marxistischen Gewalt des Klassenkampfes aufgelöst und säkularisiert findet. So berichtete Werner Kraft – und Žižek verweist auf ihn – am 20. Mai 1934, wie Benjamin nun über seinen Text Zur Kritik der Gewalt von 1921 dachte: "Der »gerechte Krieg« am Schluss des Gewalt-Aufsatzes: Klassenkampf." (Žižek 2015: 35). Davon ausgehend unterbreitet Žižek den Vorschlag, jenseits des Dritten Wegs und eindeutig weiter links als der Demokratische Sozialismus, den Kommuni(tari)smus unter einer Bedingung neu zu erfinden:

"Es reicht daher nicht, der kommunistischen Idee treu zu bleiben – nein, man muss in der historischen Wirklichkeit nach Antagonismen suchen, welche diese Idee zu einer praktischen Dringlichkeit machen. Die einzig wahre Frage ist heute: Lassen wir die vorherrschende Naturalisierung des Kapitalismus zu, oder beinhaltet der heutige globale Kapitalismus Antagonismen, die stark genug sind, um seine unendliche Reproduktion zu verhindern? Es gibt vier solcher Antagonismen: die sich abzeichnende Gefahr einer ökologischen Katastrophe; die Unangemessenheit der Idee des Privateigentums für das sogenannte »geistige Eigentum«; die sozialethischen Implikationen neuer technologisch-wissenschaftlicher Entwicklungen (insbesondere in der Biogenetik); und, last but not least, neue Formen der Apartheid, neue Mauern und Slums." (ebd.: 82–83)

Als Antwort darauf braucht es nach Žižek – ehemaliger Student der revolutionären Pariser Universität in Vincennes (Linhart 2016) und deshalb linkslacanianischer Marxist (Žižek 2008) – eine deutliche linkshegelianische Rückkehr des historischen und dialektischen Materialismus (Žižek 2016b), die auf diesen Seiten mehrfach unternommen wurde, um mit der Subkultur und im Underground linke Archive zu retten. Dieser Kommuni(tar)ismus schwingt immer mit, wenn wir Creative Commons, Gemeinwohl, Community-Medien oder Kommunalpolitik sagen, denn seit der Commune de Paris (1789 und 1871 und 1968 und …) hat auch die Commune de Vienne als rotes Wien mit Wiener Widerstands-Blut eine revolutionäre und (austro-)marxistische Geschichte …

Ohne jede Ironie beantworten wir also die rhetorische Frage der ZEIT "Hatte Marx doch Recht?" mit einem Wienerischen "No na!", setzen im neuen Klassenkampf (Žižek 2015) auf die Ausweitung der Kampfzonen (Žižek 2017) und proben den absoluten Gegenstoß (Žižek 2016a).

5.6. Conclusio: Ein Witz!

Und so erzählen wir unserem Schizorevolutionär aus Slowenien in der neuen Internationale und in Erinnerung an Sigmund Freuds Der Witz in seiner Beziehung zum Unbewussten (Freud 2016) einen abschließenden Joke (Žižek 2014). Ein Witz, um dessen (historische) Wahrheit man zittern muss:

Stalin stirbt und kommt in die Hölle, die Teufel beschließen, dass er in der Pfanne braten muss. Dies sieht er ob der Moskauer Prozesse und der Kulakenvernichtung ein. So brät Stalin in der Pfanne. Nach einiger Zeit aber blickt Stalin über den Rand der Pfanne und dort sitzt Hitler und liest ein Buch. Das ist Stalin zu viel und er beschwert sich bei den Teufeln: "Ich muss hier in der Pfanne braten und Hitler liest ein Buch?" Die Teufel beruhigen ihn: "Stalin! Hitler liest kein Buch, er übersetzt Das Kapital ins Hebräische …"


Abb. 29: Warschau Gettoaufstand
© Creative Commons: Artico2


Anmerkungen

[1] Übersetzung aus dem Englischen von A. B.: "The word 'precariat' generally stands for the area of work that is no longer definable by fixed rules relative to the labor relation, to salary and to the length of the working day. However if we analyze the past we see that these rules functioned only for a limited period in the history of relations between labor and capital. Only for a short period at the heart of the twentieth century, under the political pressures of unions and workers, in conditions of (almost) full employment and thanks to a more or less strongly regulatory role of the state in the economy, some limits to the natural violence of capitalist dynamics decline in the political force of the workers' movement, the natural precariousness of labor relations in capitalism, and its brutality, have reemerged."

[2] Übersetzung aus dem Englischen von A. B.: "A decade ago, a useful word was coined in honor of May Day by radical Italian labor activists: 'precarity'. It referred at first to the increasingly precarious existence of working people 'at the margins' – women, youth, migrants. Then it expanded to apply to the growing 'precariat' of the core labor force, the 'precarious proletariat' suffering from the programs of deunionization, flexibilization and deregulation that are part of the assault on labor throughout the world."


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DOI: 10.21243/medienimpulse.2016.4.1049

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marx, marxismus, klassenkampf, politische philosophie