Bildung - Politik

2/2017 - Digitale Grundbildung

Der Wert der Schrift "Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit" der publizistischen Kommission der deutschen Bischofskonferenz.

AutorIn: Christian Swertz

Die deutsche Bischofskonferenz betont nicht ganz uneigennützig Medienkompetenzvermittlung als Werteerziehung. Christian Swertz diskutiert in diesem Zusammenhang im Rekurs auf Nietzsche Aspekte der theologischen Besetzung des Kompetenzdiskurses ...

Über Nietzsche kann man streiten. Oder man kann mit Nietzsche streiten. Etwa mit seinem Begriff der Sklavenmoral, der immer noch für eine kleine Diskussion mit Religionsgemeinschaften jedweder Provenienz gut ist. Die Sklavenmoral ist nach Nietzsche eine Nützlichkeitsmoral, mit der Menschen vor allem zu geduldigem, fleißigem und demütigem Verhalten gebracht werden. Pointiert gesagt, geht es um die Ausbildung nützlicher Idioten. Ein wesentliches Merkmal von Menschen, die sich nach der Sklavenmoral richten, ist, dass sie sich nicht selbst bestimmen können, sondern sich nur in Abgrenzung zu anderen bestimmen können. Die Abgrenzung erfolgt gegen "die da oben", deren Herrenmoral sich nach Nietzsche dadurch auszeichnet, dass sie aus sich selbst heraus bestimmt werden kann – wofür es allerdings erforderlich ist, den hohen Preis der Selbstdisziplinierung zu zahlen.

Eine Interpretation postfaktisch-nationaler Bewegungen aus dieser Sicht wäre sicher interessant – aber darum geht es hier nicht, und auch nicht um die mit einer Herrenmoral, die nicht für alle gedacht ist, verbundenen Herrschaftsvorstellungen von Nietzsche, sondern um den Umstand, dass es nicht zuletzt die christliche Moral ist, die von Nietzsche als Sklavenmoral ausgezeichnet wird, und die mit Nietzsche nur den Zweck hat, Menschen nützlich zu machen. Aus dieser Sicht kann die Lektüre der Schrift "Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit"der deutschen Bischofskonferenz (online unter: http://www.dbk-shop.de/de/deutsche-bischofskonferenz/arbeitshilfen/medienbildung-teilhabegerechtigkeit.html) zu einem diabolischen Vergnügen werden – wenn man sich zur herrschenden Klasse zählt und jedes Interesse an einer Weiterentwicklung bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse in eine libertär-solidarische Richtung ablehnt. Machen wir uns also den Spaß und nehmen einmal die Perspektive eines Herren ein:

Schon ein erster Versuch, die Suche nach dem Wort "Kritik" im Text der Deutschen Bischhofskonferenz, führt zu einem beruhigenden Ergebnis: Kein Treffer. Das zeigt, wie konsequent hier so über Medienbildung nachgedacht wird, dass eine dem Volk nun beim besten Willen nicht zukommende Kritik an Medien gar nicht erst in den Blick gerät – wobei durchaus die Befürchtung aufkommen könnte, dass diese schlichte Strategie doch etwas zu offensichtlich ist.

Diese Befürchtung wird aber im Abschnitt "Medienkompetenz/Medienbildung" überzeugend zerstreut – und das ist in der Tat auch dringend nötig: ist es doch der Medienkompetenzbegriff, mit dem immer wieder eine gefährliche, mit der katholischen Soziallehre kaum vereinbare, Perspektive verbunden wird. Dieser Gefahr begegnet die Bischhofskonferenz durch eine angemessene, wenn auch dummerweise grammatisch unvollständige Formulierung: "Der Begriff der Medienkompetenz umfasst neben den technischen Kompetenzen und Wissensbeständen auch eine normative Orientierung an gesellschaftlichen [sic!] und damit an den Prinzipien der katholischen Soziallehre". Die fast schon Freudsche Fehlleistung ist taktisch, diese Bemerkung sei unter Herren erlaubt, doch etwas ungeschickt. Die so wichtigen "Werte", ohne die nun einmal keine nützliche Erziehung mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre legitimiert werden kann, müssen hier dringend erwähnt werden und sollten noch ergänzt werden.

Erfreulich gelungen ist die Fortsetzung: Alle Menschen, so heißt es im gleichen Absatz, sind dazu verpflichtet, "sich die Kenntnis und Bildung anzueignen, die zur rechten Erfüllung ihres Berufes erforderlich ist". Selbst wenn man Beruf im weiten Sinne als "Berufung" versteht, macht die Formulierung klar, dass es nicht die nützlichen Menschen sein können, die sich selbst berufen (wo kämen wir da hin, wenn alle das für sich in Anspruch nehmen würden), sondern die Menschen berufen werden. Das macht hinreichend deutlich, dass dem Ruf Gottes selbstverständlich fleißig Folge zu leisten ist.

Diese Präzisierung wird rhetorisch geschickt mit Überlegungen verbunden, die im Sinne von Topoi auf breite Zustimmung stoßen werden. Das etwa gesellschaftliche Teilhabe mit der Rezeption und Produktion von Medien verbunden ist, dass Medienkompetenz in allen formalen und non-formalen Bildungsinsitutionen gefördert werden sollte oder der Schutz der persönlichen Daten wichtig ist, findet ohne Zweifel auch in der wissenschaftlichen Medienpädagogik breite Zustimmung und nimmt damit Einwänden von vornherein den Wind aus den Segeln.

Dazu beitragen dürfte auch die wohl dosierte Wendung in der Einleitung: "Die Digitalisierung breitet sich unsichtbar über uns allen und über alle Dinge aus. Alles wird mit allem verbunden." Die ubiquitäre Verbreitung von Medien wird ja immer wieder festgestellt, aber wenn diese sich unsichtbar ausbreiten, dann ist das ohne Zweifel auch unausweichlich. Die Unsichtbarkeit markiert treffend ein Schicksal, dem man sich nur demütig ergeben kann.

So vorbereitet wird die raffinierte Begrenzung der Einmischung mittels Medien auf Belange, "die die eigene Lebensführung betreffen" kaum auffallen. Damit wird die unmoralische und am Ende den Staat zersetzende kreative Gestaltung von Medien über die Grenzen des Mediensystems hinaus von vornherein ausgegrenzt, ohne dass das weiter bemerkt werden dürfte – die Einmischung ist ja genannt und wird ausdrücklich gut geheißen. Die sollte aber wirklich Leuten überlassen werden, die etwas davon verstehen. Die substanzielle Einmischung in staatliche, ökonomische oder gar kirchliche Angelegenheiten darf gar nicht erst ins Spiel gebracht werden und genau das wird hier sehr gut präzisiert.

Dem entspricht auch die Hervorhebung des Netzzugangs für alle, der substanziell jeden Gedanken daran, dass Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten unterschiedlich von solchen Zugängen profitieren, vermeidet. Richtig ist es dabei natürlich, das bewährte Standardargument der Komplexität zu bringen: Dass die Komplexität zu hoch und für den Einzelnen nicht überschaubar ist, hat noch immer davon überzeugt, dass es besser ist, sich geduldig in sein Schicksal zu fügen. Vor allem, wenn es um Werte geht, denn wo kämen wir hin, wenn kommunistisches Gedankengut wie die Unterstellung einer Gewinnorientierung bei Medienanbietern wie dem Verlag Herder von Menschen verbreitet werden würde, denen es nicht möglich sein kann, derart komplexe Strukturen zu verstehen! In der Tat gilt es, kirchliche Werte durch die Vermittlung einer werteorientierten Medienbildung zu erhalten.

Dass die richtigen Werte in der Praxis auch vermittelt werden, sollte daher nicht dem Zufall überlassen werden. Insofern ist es ein ganz ausgezeichneter Vorschlag der Deutschen Bischhofskonferenz, mittels kirchlicher Werte Ressourcen für Materialien, mit denen Multiplikatoren, Pädagogen [sic! Das muss man in der Tat Männern überlassen.] und Eltern erlöst werden, zur Verfügung zu stellen.

Halleluja.

 

Tags

kirche, medienkompetenz, werte